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Ohne Schweizer
Fahne
Der Bund, 22.06.02
Provoziert die Expo doch noch eine Debatte um die Schweizer
Identität? Im offiziellen Festspiel zum 1. August «werden
keine Schweizer Fahnen geduldet».cpa/paf.
Das Schweizer Fernsehen wird das Festspiel zum Nationalfeiertag
live auf allen Kanälen übertragen, doch das Publikum
wird vergebens nach dem weissen Kreuz auf rotem Grund suchen.
«Wir werden keine Schweizer Fahnen dulden»,
sagt Autor Lukas Bärfuss von der freien Berner Theatergruppe
400 ASA. Für Bärfuss ist der 1. August «nichts
als eine Leerstelle»: Die schweizerische Mythologie
messe sich nicht an der Realität, deshalb seien für
ihn andere Mythen und Traditionen interessanter, zum Beispiel
jene der Ausländer in der Schweiz.
Damit verhilft die Theatergruppe, die in der Berner Reitschule
ihre Anfänge genommen hat, der Expo möglicherweise
doch noch zu einer Debatte um die nationale Identität,
was der Expo-Leitung insgeheim wohl gelegen käme. Denn
schliesslich will sie am Ende der Landesausstellung nebst
kommerziellem Erfolg auch etwas in der Sparte «Identitätsstiftung»
vorlegen. Das Fehlen der Fahne im 1.-August-Stück dürfte
umso mehr provozieren, als bereits nach dem Eröffnungsspektakel
moniert worden war, auf den Arteplages seien zu wenig Schweizer
Fahnen zu sehen. Bundesrat Samuel Schmid nahm darauf aus
Protest zum Expo-Schwinget seine eigene Fahne mit. Schmid
wird in Biel unmittelbar vor dem Festspiel die 1.-August-Ansprache
halten. Damit ist garantiert, dass der Nationalfeiertag
an der Expo nicht ganz fahnenfrei ist. Schmids Sprecher
Oswald Sigg: «Zur 1.-August-Rede eines Bundesrats
gehört zwingend die Schweizer Fahne.» Schweizer
Fahnen nicht geduldet.
EXPO / Die freie Berner Theatergruppe 400 ASA inszeniert
das offizielle Festspiel zum 1.August. Das explizit politisch
verstandene Experiment wird auf allen Schweizer Fernsehkanälen
live übertragen und soll eine Debatte über die
Schweizer Identität provozieren. «Wir werden
keine Schweizer Fahnen dulden», sagt der Autor des
Festspiels.
Drei symbolische Akte hat die Expo.02 zu bewältigen:Die
Eröffnungszeremonie, die Schlussfeier und den 1.August.
Der erste Akt bleibt landauf, landab als pathetische Seifenblase
in schlechter Erinnerung.Über die Schlussfeier hält
die Expo.02 noch denMantel des Schweigens. Hingegen ist
jetzt schon klar:Der Nationalfeiertag an der Expo.02 wird
gehörig für Gesprächsstoff sorgen.
Eigentlich wollte die Expo.02 den Zürcher Theaterregisseur
Christoph Marthaler, international ebenso erfolgreich wie
lokal umstritten, als Intendanten für den Nationalfeiertag
gewinnen. Doch dieser hat schon vor einem Jahr «schweren
Herzens», wie er sagte abgesagt. Die Rolle der Mythen-Jäger
fällt deshalb der Berner Theatergruppe 400 ASA zu,
namentlich dem Autor Lukas Bärfuss und demRegisseur
Samuel Schwarz, beide knappe 31 Jahre alt. Damit kommt an
prominentester Stelle eine freie Theatergruppe zu nationaler
Geltung, die in der Berner Reitschule ihre Anfänge
genommen hat und dank einem asketischen, provokativen, auf
Tabubrüche angelegtenStil innert Kürze zu Anerkennung
im ganzen deutschsprachigenRaum gekommen ist. Die Wahl ist
mutig:Mit demStück «Meienbergs Tod» hat
400ASA auch Feuilletonisten aufgebracht, die sich an der
Art gestossen haben, wie die linke Überfigur Niklaus
Meienberg demontiert wurde. In «4 Frauen ein Singspiel»
provoziert ein junger Mazedonier vier Schweizer Lehrerinnen
derart, dass ihnen die Phantasien aus demRuder laufen.
«1. August: Eine Leerstelle»
Werden 400 ASA mit ihrem 1.-August-Theater die Schweiz
erschüttern?Die Beteiligten halten sich bezüglich
Inhalt und Form bedeckt. Ein «Stück über
Heimat und Identität» werde es sein, sagt Lukas
Bärfuss, ein «multilinguales Experiment»,
das einen auch zum Lachen bringen soll. «Unser Stück
wird anti-nationalistisch sein. Wir werden keine Schweizer
Fahnen dulden.» Für denJungautor, von dem bei
Suhrkamp demnächst das Erstlingswerk «Die toten
Männer» erscheint, ist der 1.August nichts als
eine «Leerstelle»:«Die schweizerische
Mythologie misst sich nicht an der Realität.»
Deshalb seien für ihn andere Mythen und Traditionen
interessanter, zum Beispiel jene der Ausländer in der
Schweiz. Er wolle lieber über die Sans-papiers als
über den Rütlischwur reden, sagt Bärfuss.
Vom Neo-Patriotismus à la Tyler Brûlé
hält Bärfuss ebenso wenig wie vom Schweizer-Kreuz-T-Shirt
auf der Brust von trendigenGrossstadtmenschen. Für
ihn ist das eine «Beschwörung des Harmlosen»,
wo doch «die Schweiz immer zuvorderst gestanden hat,
wenn es darum ging, dreckiges Geld zu waschen und Fluchtgelder
zu horten».
Provokation unmöglich
Für die Expo.02 ist die 1.-August-Feier Chefsache.
Martin Heller, der künstlerische Leiter, nimmt die
Aufregung um die bevorstehende Inszenierung gelassen. «Kein
ernst zu nehmender Künstler wählt heute die reine
Provokation als Stilmittel.» Eine Aufruhr, wie sie
Ben Vautiers «La Suisse nexiste pas» 1992 in
Sevilla erzeugte, sei nicht zu erwarten. Mit einem Budget
von 450'000 Franken ist die Produktion gut, wenn auch im
Vergleich mit demEröffnungsspektakel (15 Millionen
Franken) nicht übermässig bedient. Heller coacht
die Theatergruppe eigenhändig. Den 1. August einmal
anders zu feiern sei sein ursprüngliches Anliegen gewesen,
sagt Heller. Als Marthaler wegfiel, habe man sich extra
für eine jüngere Regisseuren-Generation entschieden.
400 ASA passe perfekt zur Expo.02, findet Heller: «Ich
hoffe, dass das 1.-August-Stück die Sprache der Expo.02
besser trifft als das Eröffnungsspektakel.» Die
Expo.02 hat den 1. August zum Spezialtag erklärt. Die
Ausstellungen sind von 9.30 bis 22Uhr geöffnet, Kinder
und Jugendliche bis 16 Jahre erhalten freien Eintritt. Die
offizielle Feier findet in Biel statt. Bundesrat Samuel
Schmid hält die traditionelle Ansprache. Anschliessend
inszeniert 400 ASA. Das Schweizer Fernsehen überträgt
Ansprache und Theater live auf allen Kanälen.
Kern der Identität
Gemäss dem Autor des Festspiels, Lukas Bärfuss,
steckt im Satz «La Suisse nexiste pas» übrigens
immer noch der Kern der Schweizer (Nicht-)Identität.
Bundespräsident Villiger habe den Satz an denAnfang
seiner Expo-Eröffnungsrede gestellt. «Dass es
ihm trotz allenVersuchen nicht gelungen ist, die Aussage
zu widerlegen, zeigt, dass der Satz immer noch zutrifft»,
sagt Bärfuss.
CHRISTIAN PAULI
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