Der Fahnendebatte zweiter Teil
Der Bund - 25.06.2002

Weil die Theaterverantwortlichen keine Schweizer Fahne dulden wollen, bittet der Berner FDP-Nationalrat Kurt Wasserfallen den Bundesrat, das 1. August-Festspiel abzusagen. Wasserfallen: "Die Kulturschaffenden wollen uns durch den Dreck ziehen."

Jetzt gibt es sie vielleicht doch noch, die richtige Expo-Debatte. Dem Schweizer Kreuz, der Theatergruppe 400 ASA und vor allem Kurt Wasserfallen sei Dank.

"Wir werden keine Schweizer Fahnen dulden", erklärte der Berner Theaterautor Lukas Bärfuss letzte Woche gegenüber dem "Bund", als er mit einem sicheren Gespür für Provokationen die Idee für sein 1.-August-Stück beschrieb. Bärfuss und sein Kollege Samuel Schwarz - sie bilden die junge Theatergruppe 400 ASA -, inszenieren am Nationalfeiertag an der Expo.02 das offizielle Festspiel. Bärfuss/Schwarz versprechen vollmundig ein "anti-nationalistisches Stück". Das Theaterprojekt steht unter der expliziten Schirmherrschaft von Martin Heller, dem künstlerischen Leiter der Expo.02.

"Jetzt reichts", sagte sich Kurt Wasserfallen, der Berner Polizeidirektor und FDP-Nationalrat, als er am Samstag den entsprechenden Artikel im "Bund" las. "Ständig wollen uns diese so genannten Kulturschaffenden mental den Boden unter den Füssen wegziehen." Wasserfallen setzte einen Brief auf, adressierte ihn an den Bundespräsidenten, die Damen und Herren Bundesräte, liess seinem Parteikollegen Franz Steinegger und natürlich auch dem "Bund" eine Kopie zukommen. Unterschrieben hat er mit "Dr. K Wasserfallen, Nationalrat".

Wasserfallen ist empört darüber, dass Theaterautor Bärfuss aus der Szene der Berner Reitschule stammt, welche "regelmässig und gezielt Staat und Gesellschaft angreift". Und: Offenbar habe Bundesrat Schmid selber durchsetzen müssen, dass er seine Rede, die vor dem 400-ASA-Stück stattfinden soll, vor einer Schweizer Fahne halten dürfe. "Warum immer diese Provokationen?" fragt Wasserfallen und zitiert den berühmten Satz "La Suisse n'existe pas", der an der Weltausstellung in Sevilla 1992 grosse Aufregung verursachte. Wasserfallen bittet Bundespräsident Villiger, "dieses Festspiel schlicht und einfach abzusetzen".

An so etwas denkt der Bundespräsident natürlich nicht. Abgesehen davon hat er dazu auch kein Recht: Die 1.-August-Feier wird von der Expo.02 veranstaltet. Villiger-Sprecher Daniel Eckmann sagt, er habe nicht das Gefühl, dass es nötig sei, dass sich der Bundespräsident zu dieser Sache äussere. Das Vorgehen von Wasserfallen findet Eckmann "sehr unüblich". Als Parlamentarier stünden ihm ja viele andere Wege offen.

Nationalrats- und Gemeinderatskollege Alexander Tschäppät (sp) kann Wasserfallen auch nicht verstehen. Wenn Bundesrat Schmid vor einer Schweizer Fahne reden wolle, sei das sehr verständlich. Ebenso könne er respektieren, wenn die Theatergruppe für ihr 1.-August-Stück kein Schweizer Kreuz wolle. Darum findet Tschäppät den Brief von Wasserfallen "völlig übertrieben" und das Resultat einer "Wahrnehmungsstörung".

CHRISTIAN PAULI

 

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  Abb. 1