Das ist ein schönes Theater
Berner Zeitung 28.6.02

Das Theater zur offiziellen 1.-August-Feier der Expo hat bereits begonnen. Den ersten Akt schrieb der Berner Polizeidirektor Kurt Wasserfallen. Die für den Festakt engagierte Theatergruppe 400asa freuts.

Das gibt ein Theater: Das Berner Autorenduo Samuel Schwarz und Lukas Bärfuss will die offizielle Bundesfeier der Expo in eine «Schweizer-Fahnen-freie Zone» verwandeln. Und das am offiziellen Festakt in Biel, wo Bundesrat Samuel Schmid seine Ansprache mit Schweizer Fahne halten will. «Im Theaterstück geht es um nichts weniger als unsere Identität», sagte gestern Martin Heller, künstlerischer Direktor der Expo.02. Oder anders: «Steckt unser Schweizertum in den Genen oder im Pass?»

Samuel Schwarz hat die Antwort bereits: «Das Schweizersein ist ein reiner Verwaltungsakt, es gibt keinen mythologischen Hintergrund.» Und das will er ausgerechnet am 1. August dem Schweizervolk vor laufenden Fernsehkameras beweisen. Über Inhalt und Form des Stücks lässt der in der Berner Reitschule gross gewordene Regisseur die Öffentlichkeit im Ungewissen. Damit es spannend bleibt. Allerdings habe für ihn die Theateraufführung ohnehin schon begonnen.

Bundesrat soll handeln

Den ersten Akt schrieb der Berner Polizeidirektor Kurt Wasserfallen. Dieser verlangte von Bundespräsident Kaspar Villiger und der Landesregierung in einem offenen Brief, das Stück zu verhindern, wie «Der Bund» berichtete. Von den beiden Autoren erwartet Wasserfallen nichts Gutes. Wie in der Reitschule werde nun auch noch am 1. August der «Staat von diesen Leuten durch den Dreck gezogen». Sie würden dem «Land mental den Boden unter den Füssen wegziehen». Für ihr Tun müsse der Steuerzahler auch noch bezahlen, und die Bürgerlichen liessen sich das gefallen.

Vom Bundesrat hat Wasserfallen bis gestern keine Antwort bekommen. Dafür von Samuel Schwarz: «Herr Wasserfallen soll sich um sein Polizeikorps kümmern, das bekannt ist für undemokratische Übergriffe auf Zivilpersonen. Die Kraft, dem Staat den Boden zu entziehen, haben wir nicht.» Und Angst vor Beleidigungen müsse Wasserfallen keine haben. «Wir gehen nicht so weit wie Alexander Tschäppät, der bei Wasserfallen eine Wahrnehmungsstörung gesehen hat.»

Vorfreude auf die Bundesfeier versprüht Martin Heller: «Der 1. August ist für die Landesausstellung eine Art Muttertag.» Schliesslich sei die Expo ein legitimes und mittlerweile geliebtes Kind der Schweiz. Der künstlerische Direktor verspricht Feuerwerk, Essen, Trinken, Musik, aber auch einige Fragen. Womit wir wieder bei 400asa wären. Schwarz ist dankbar für die Gelegenheit, den politischen Raum betreten zu können. Das sei die Sehnsucht eines jeden Theaterschaffenden. Die Reaktionen auf den «Schweizer-Fahnen-freien Raum» finde er inspirierend.

Schmid bringt die Fahne

Mindestens eine Schweizer Fahne wird es auf der Bühne dennoch haben. Jene von Samuel Schmid. Sein Sprecher stellte klar, dass diese zur 1.-August-Rede eines Bundesrats gehört. Samuel Schwarz kümmerts wenig. Die Theaterschaffenden fänden es reizvoll, die Fahne nach Schmids Rede zu entfernen. Der Regisseur will seiner Theatertruppe viel Spielraum lassen. Immerhin verrät er über den Inhalt so viel, dass auch die «Lifestyle-Swissness» à la Tyler Brûlé dran glauben muss. Wasserfallen hat wenig Hoffnung, dass der Vorhang auf der Bieler Expo-Bühne gar nicht aufgeht. Er wird das Stück ohnehin nicht anschauen. Die zahlreichen positiven Reaktionen auf seine Intervention zeigten ihm, dass viele Schweizerinnen und Schweizer es ihm gleichtun würden. Gegen ein kritisches Stück hätte er gar nichts, aber gegen so etwas «Verletzendes». Für eine Klarstellung könnte immerhin Samuel Schmid sorgen, der seine Rede vor dem Theaterstück auf der gleichen Bühne hält, findet Wasserfallen. Schmid hatte schon an der Eröffnungsfeier Schweizer Fahnen vermisst.

Markus Brotschi

 

zurück


  Abb. 1