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Die Mythen auf die Füsse stellen
SonntagsZeitung, 16.6.02
Die freie Theatergruppe 400 ASA inszeniert
in Biel das Expo-Festspiel für den 1. August - politisch
und provokativ
Der Erwartungsdruck ist gewaltig. Das üppige Eröffnungsspektakel
der Expo.02, von François Rochaix mit Hunderten von
Mitwirkenden und einem Budget von 15 Millionen Franken dreimal
auf allen fünf Arteplages grossartig an Raum und Zeit
vorbeiinszeniert, war ein epochaler Reinfall. Jetzt kündigt
sich das zweite Theaterereignis der Landesausstellung an:
das Festspiel zum 1. August.
Unterschiedlicher könnten die Bedingungen nicht sein.
400 ASA, eine zur Askese neigende freie Theatergruppe mit
einem Stammpersonal von sieben, acht Leuten, gibt auf der
Arteplage Biel «August.02», ein Stück über
Heimat und Identität. Es dauert eine Stunde, verfügt
über ein Budget von 450 000 Franken, wird nur ein einziges
Mal aufgeführt, aber immerhin vom Schweizer Fernsehen
live auf allen vier Kanälen übertragen. So erreicht
es neben den 1500 Zuschauern in Biel erhoffte 600 000 weitere
vor den Bildschirmen. Patrioten wie Heimatmüde dürfen
sich den Termin merken, denn das Stück verspricht ein
rechter Aufreger zu werden.
Lukas Bärfuss und Samuel Schwarz, Autor und Regisseur
von 400 ASA, beide 31, fahndeten letzte Woche zwischen Zehntausenden
von zufriedenen Besuchern der Expo-Arteplages nach dem Heimatbild,
nach den Spielformen nationaler Identität, wie sie
auf dem Festgelände sicht- und spürbar werden.
Denn von derlei Mythen handelt ihr Stück.
Bei solcher Feldforschung gehören Skepsis und Widerspruchsgeist
zur Erhebungsmethode. Derweil die Besucherscharen in Nouvels
Monolith vor Ergriffenheit sprachlos werden, schnödet
Bärfuss vor dem digitalen Bilderpanorama auf der untersten
Etage halblaut: «Ich vermisse Autorschaft, Handschrift
und Absender.» Die Bilder erscheinen ihm beliebig
in der Auswahl, zufällig in der Abfolge und unklar
in der Botschaft. Aufsässig fragt er nach Standpunkt
und Ideologie, denn ohne ideologische Position gebe es keine
Message. Hoppla!
Zu einer hitzigen Diskussion kommt es auch in Murtens «Werft»,
einem Projekt des Bundes unter dem Motto «Sicherheit
durch Öffnung». Bärfuss und Schwarz betrachten
die Installation und melden sofort Vorbehalte an: «Hier
wird uns als Öffnung präsentiert», analysiert
Bärfuss gallig, «was eigentlich einen Zusammenschluss
meint zwecks effizienterer Abwehr.»
Tapfer widerspricht der Zivildienstleistende, hier als
Betreuer der Besucher im Bundeseinsatz, den Identitätsforschern
und erklärt ihnen treuherzig die Optik des Bundes.
Doch mit ihrem scharfen Intellekt, ihrer Eloquenz und ihrer
ungestümen Streitlust bringen ihn die Theatermacher
in arge Argumentationsnot. Während sich im Hintergrund
die mobilen Werftportale verschieben, mit ihren Symbolen
und allegorischen Darstellungen, das Schweizer Kreuz sich
öffnet und schliesst, bleiben die beiden fest: «Da
wird doch im Grunde immer noch das Réduit propagiert,
nur dass es jetzt den EU-Raum umfasst», sagt Bärfuss.
«Und Frauen kommen hier nur als Prostituierte, Krankenschwester
oder Mutter vor», moniert Schwarz. Sicherheit wolle
man offenbar durch Ausgrenzen erreichen. In der «Werft»
sei die Ideologie zwar greifbar, aber ihr Absender bekenne
sich nicht dazu. Beide postulieren: «Man muss immer
nach dem fragen, was nicht gezeigt wird.»
Für die Aufführung wünschen
sie sich einen schweizerkreuzfreien Raum
Das holen Bärfuss und Schwarz jetzt möglicherweise
auf der Bühne nach. Was die Gruppe 400 ASA der Nation
zum Geburtstag präsentieren wird, lässt sich erst
erahnen. Nicht zufällig nennen sie sich 400 ASA, was
hoch empfindlichen Film meint, der den Dingen selbst unter
ungünstigen Lichtbedingungen scharfe Konturen verleiht:
«Wir stellen die Frage nach der Macht, nach der Solidarität,
nach den gesellschaftlichen Verhältnissen.» Das
Ganze sei «ein Experiment».
Das war schon bei ihren bisherigen Inszenierungen nicht
anders. Das Bacchanal «Bakchen», nach Euripides,
spielten sie im Dunkeln. Horváths «Italienischer
Nacht», über die braune Bedrohung, verliehen
sie neue Aktualität. Und die Groteske «Meienbergs
Tod» (an der Expo im Théâtre des Roseaux
in Neuenburg vom 3. bis 8. August wieder zu sehen) spaltete
mit ihrer radikalen Polemik nicht nur die Redaktion der
WoZ.
«Nicht politisches Theater machen, sondern Theater
politisch machen», fordern sie, in Anlehnung an Jean-Luc
Godard. Für ihre Aufführung wünschen sie
sich provokativ «einen schweizerkreuzfreien Raum».
Nur wie sie mit den zahlreichen zirkulierenden Fahnenstangen
verfahren wollen, den Trägerinnen und Trägern
der trendigen patriotischen T-Shirts, wissen sie noch nicht.
Manchmal tönen die beiden wie Reinkarnationen von
Achtundsechzigern. Doch selbstredend widersprechen sie auch
da augenblicklich: «Was ist denn geblieben von den
68ern?»
Was wird von ihrem Stück bleiben, nach dem Nationalfeiertag?
«Man wird nicht mehr über Schweizer Identität
reden können, ohne auf den 1. August 02 zu verweisen»,
verspricht Lukas Bärfuss. Und Samuel Schwarz halluziniert
ganze Schulklassen, die sich hingerissen das Video des Feststücks
reinziehen.
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