Keine keimfreie Bundesfeier an der Expo.02
Verbrennt eure Pässe!

WoZ, 11.7.02

Fredi Lerch

Bundesrat Samuel Schmid soll eine Rede halten, und das Schweizer Fernsehen will die offizielle Expo-1.-August-Feier in Biel auf allen Kanälen live übertragen. Inklusive Theaterstück, mit dessen Entwicklung und Inszenierung die Theatergruppe «400asa» beauftragt worden ist. Es trägt den nichts sagenden Titel «august02 - août02 - agosto02 - avust02». Was sich dahinter verbirgt, ist noch geheim.

An einer Pressekonferenz Ende Juni hat Martin Heller als künstlerischer Direktor der Expo zum Thema des Stücks so viel gesagt: «Es geht um unsere Identität. Oder besser und aktueller: um unsere Identitäten, um jenen Baukasten von Bildern, Eigenschaften und Handlungsmustern, die bestimmen, was es heisst, Schweizerin oder Schweizer zu sein. Bestimmt das Sein die Nationalität, oder ist es umgekehrt? Konkret: Steckt unser Schweizertum in den Genen oder im Pass?» Nach dem inhaltsleeren Eröffnungsspektakel liegt es nun an «400asa», der landesausgestellten Schweiz doch noch zu etwas Ideologiekritik zu verhelfen.

Aber geht das überhaupt? Hat die Expo nicht alles und das Gegenteil von allem bereits mitgedacht und in einem Mass eingebunden, dass noch die schärfste Gesellschaftskritik nichts als eine auflockernde Passage in einer allumfassenden 1.-August-Rede wäre? Noch bevor sie in See stach, war auf der Homepage der Arteplage Mobile du Jura (AMJ) zu lesen, sie sei «ein tagesaktueller Ort der Kunst», der «an die Traditionslinie der antiautoritären Alternativ- oder Gegenkultur» anknüpfe. Und Juri Steiner, Chef dieser Arteplage, bekräftigte dieser Tage in einem Interview, auf seinem «Piratenschiff» gebe es «inhaltlich keine Tabus».

Aber was hülfe es dem Schweizervolk, wenn es deswegen gegen die Expo wäre? Auch Proteste sind dort erwünscht: Nicht selten sind sie die pittoreskeren Events. Deshalb auch wissen alle, dass der tapfere Süsswasserpirat Steiner eigentlich ein Marktschreier ist, der seine Ware anpreisen muss. Und logisch deshalb, dass seiner Beteuerung der inhaltlichen Tabufreiheit noch im gleichen Statement die zweite folgt: «Das Schiff ist streng hierarchisch organisiert» («Bund», 9. 7. 02).

Tabuisiert sind an der Expo.02 nicht die Inhalte, sondern die Strukturen und Symbole - Schweizer Fahnen zum Beispiel. Es ist kein Zufall, dass der in der Sache vielleicht läppische, aber in einer läppischen Diskussionskultur nicht unbedeutende Streit um schweizerfahnenfreien Raum an der Landesausstellung nicht von einer AMJ-Veranstaltung ausgegangen ist, sondern von Lukas Bärfuss und Samuel Schwarz, ihres Zeichens Autor und Regisseur von «400asa». Tabus bricht nur, wer nicht darauf angewiesen ist dazuzugehören.

«400asa» ist - so die Selbstdarstellung - «ein wildes Durcheinander aus SchauspielerInnen der freien Szene, Schauspielhaustieren, Laien, TänzerInnen, Musikern und Dichtern aus allen Ecken der Welt». Ein Kollektiv mit Wurzeln im Berner Kulturzentrum Reithalle, das sich einem «politischen, komischen und rhythmischen Theater» verpflichtet weiss; eine Truppe, die auch die Privilegien der eigenen Profession stürzen will: «licht- und tontechniker haben die gleichen theatralen rechte und pflichten wie die schauspielerinnen!» («bekenntnis 99»); ein Ensemble, dem es nicht um konfektionierten Sinn geht. «Eher geht es um Verwirrung», sagt Samuel Schwarz, «um Zertrümmerung von Gewissheiten und Aufbrechen von Denkstrukturen. Ich glaube an das Theater des Schocks. Der Anspruch ist der Schock, nicht die Besänftigung und die Harmonie.»

Wie die Gruppe «400asa» ihr 1.-August-Theaterstück verstanden wissen will, sagt sie auf einer eigens aufgeschalteten Homepage (siehe www.august02.ch): Es sei eine «antinationalistische, antirassistische, antisexistische Veranstaltung, mit Samuel Schmid». Ebenfalls hier findet sich der dadaistisch inspirierte «Codex.02» (nebenstehend). «Unser Aufruf, den Pass zu verbrennen, ist eine Solidaritätsaktion mit den Sans-Papiers», sagt Lukas Bärfuss, «und der Codex.02 ist auch eine Referenz an das erste dadaistische Manifest. Wir stehen in einer Tradition, die Kunst politisch machen will.» Entsprechend soll auf der Bühne die Frage der Identität abgehandelt werden: abschliessend, damit man sie danach nie mehr stellen muss.

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  Abb. 1