PRESSEARCHIV

"CH-ROCK" - TAGESANZEIGER, 25.9.2004

Wie Rock aus Pleiten Kapital schlagen kann
Die Zürcher Theatergruppe 400asa zieht dem Rock die Ohren lang: «CH-Rock-Band» im Fabriktheater.

Von Tobi Müller

Manchmal ist die Wirklichkeit kaum zu karikieren. Dann tritt der Moment ein, wo der Witz in Ernst umschlägt. Gewisse Geschichten des Rock, die zurzeit wieder wuchern, bezeichnen genau solche Zeitpunkte. Rebellion, Drogen, Sex, Wahnsinn und eine Prise Teufelskult finden Eingang in die ewig gleichen Rocksoaps vom Aufstieg und vom Fall. Es sind, leicht verhüllt, Geschichten von normalen antibürgerlichen Pleiten in bürgerlichem Umfeld. Zum Schreien komisch, zum Weinen tragisch.

«Krokus - as long as we live», Reto Caduffs Dokumentarfilm über die Solothurner Schwermetaller als Beiwerk zu Chris von Rohrs Popularität als Sternchenjuror gehört auch in diese Kategorie der Pleitenstorys. Doch die Pleite wird zum Kapital, zur Erfahrung, aus der sich Geld ziehen lässt - in der Reunion, als Exklusivgeschichte, als Berater oder Juror. Dafür zahlt man einen andern Preis, oft jenen der Glaubwürdigkeit. Gewinnen kann man nur mit der Karikatur seiner selbst. Von Rohr, der schlaue Sohn aus gutem Haus, der spricht wie ein schlaues Kind von der Strasse, macht das gerade schweizweit vor.

Potpourri, Medley, Kreuzworträtsel

Die Theatergruppe 400asa versucht nun, dieser und andern öffentlich bereits karikierten Dramaturgien auf der Bühne des Fabriktheaters einen theatralen Überschuss abzutrotzen. Sie tut das einzig Richtige: 400asa tritt als Schweizer Band auf, als CH-Rock-Band mit Namen - die Wirklichkeit wird verdoppelt, die böse Parodie ereignet sich so von selbst. Der Rest ist Potpourri, Medley und Kreuzworträtsel. Genau, das war doch der C-Teil von «Every breath you take» mit schweizerdeutschem Text. Stimmt, «Züri Punks» im Rhumba. Und klar, AC/DC. Man hasst dieses versaute Geschäft. Man liebt die Songs.

So voraussehbar, weil so wirklich, die Dramaturgie sein mag, so über lange Zeit lustig sind die szenischen Einfälle dieser trashigen Revue. Schon der erste: Als der langhaarige Sänger Friedli (Regisseur Samuel Schwarz selbst) auftritt und sich die kalten Spaghetti à la Aromat aus dem Kühlschrank holt, beginnt das Küchengerät zu sprechen wie ein Rockkritiker. Die Rede ist von Einflüssen aus Louisiana, von Vergleichen zwischen obskurer Bands, von onkelhaften Vorschlägen, wie Schweizer Gruppen ihren Status «kurz vor dem Durchbruch» durchbrechen könnten. Das ist bös und entlarvend, auch wenn es gerade auf den damit gemeinten «Facts»-Kritiker Bänz Friedli am wenigsten zutrifft. Aber das sind 400asa: Sie suchen sich potente Feinde aus, weils mehr Spass macht. Derweil warten die Musiker desinteressiert auf den «Gig»: Der schöne Michael Sauter am Schlagzeug, Philipp Stengele, Typ Eisenleger, am Bass, Frank Heierli, der Mann mit der sexy Zahnlücke, an den Stromgitarren.

Im Fabriktheater sitzt man auf Stühlen, hockt auf dem Boden, die Bar wird umtigert, und der Rauch kommt nicht nur von der Nebelmaschine hinterm Schlagzeug. «CH-Rock-Band» will weder reines Konzert noch Problemstück sein. Fürs erste spielt die Band immer ein bisschen zu schlecht, fürs zweite reichen die Zwischentexte von Urs Bräm und Ensemble nicht aus. Der Abend ist ein kluger Zwitter, weil er auch mit dem Publikum und seinen Erwartungen spielt.

Kein blosses Rockkabarett

Denn dass 400asa dann doch kein joviales Rockkabarett für Firmenanlässe liefern, zeigt sich nach spätestens einer Stunde. Sänger Friedli steckt in der Psychiatrischen, und das Pathos des genialen, aber wahnsinnigen Rockpoeten liegt schwer in der Luft. Besonders, weil das Punkgroupie bereits die Sängerposition eingenommen hat (Wanda Wylova). Jetzt wirds derb, oft dunkel und wuselig auf der Bühne, die Band zerfällt, natürlich wegen der fickenden Frau. So weit, so lustig, so ewig bekannt aus der Rockgeschichte, die hier bewusst in der Schweizer Provinz nachgeahmt wird. Die Kopie einer Pose, die immer schon Kopie war.

Endgültig und auch fürs Publikum bitter und mühsam wird das Reunion-Konzert der CH-Rock-Band. Friedli ist wieder draussen, aus dem Punkgroupie wurde ein Vamp mit toupiertem grauem Haar. Man singt noch einmal die alten Hits, aber in superschlaffen Versionen, gesungen auf Medikamenten. Für die Lauen, die Faden, für den Schweizer Film, das Schweizer Fernsehen und das Bundesamt für Kultur, wie Friedli/Samuel Schwarz betonen. Das ist zäh, vielleicht wahr, aber trotzdem öde. Hier outen sich 400asa einmal mehr als totale Kunstwerkmoralisten: leiden muss, wer Leiden sehen will.


[zum Pressearchiv]