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Die Globalisierung vergibt Rollen
Im Rahmen der Veranstaltung «Das Andere Davos» wurde auch das Thema «Theater und Widerstand» diskutiert
Sie wagt wieder einmal das Unmögliche: Mit dem Projekt «Expedition ins Gebirge» mischt sich 400asa, der Schweiz aufregendste Theatergruppe, in die Auseinandersetzung ums WEF ein. Und verhehlt dabei die Widersprüche in den eigenen Reihen nicht, wie eine öffentliche Probe im Zürcher Volkshaus gezeigt hat.
«Über so viele Statisten verfügen wir leider nicht», sagt Samuel Schwarz von der freien Theatergruppe 400asa und verweist auf die über 6000 Soldaten und Polizisten, die rund um das WEF, das am kommenden Mittwoch beginnt, im Einsatz stehen.
Viel hat sich 400asa vorgenommen, der Schweiz spannendste freie Theatergruppe der jüngsten Zeit, die vor anderthalb Jahren mit dem nicht ganz geglückten Affentheater am 1. August an der Expo.02 sich einer breiteren Öffentlichkeit vorstellte. Weit eindrücklicher waren allerdings die Inszenierungen, welche die Truppe in der Off-Szene ausheckte. Führten sie doch dazu, dass bereits ein Jahr nach der ersten Produktion (1999) die Gruppe an die Wiener Festwochen eingeladen wurde und Samuel Schwarz und Autor Lukas Bärfuss, die zu den 400asa-Gründern gehören, seither für Auftragsarbeiten an die grossen Theater von Bochum, Berlin oder Basel berufen werden. Vom «Dogma» der dänischen Filmemacher ist das «Bekenntnis 99» von 400asa inspiriert: Keine Illusionen und keine versteckte Technik, Licht und Ton haben die gleichen Rechte wie die Schauspielerinnen und Schauspieler, und als einziges Requisit wird das Textbuch geduldet.
Gegen besetzte Bilder
Auch das Risiko des Scheiterns gehört zum Konzept der Truppe. Wie aufreibend sich ihre «Expedition ins Gebirge» gestalten wird, dazu lieferte 400asa ein Müsterchen im Rahmen der Veranstaltung «Das Andere Davos», welche Attac Schweiz am Samstag im Zürcher Volkshaus organisierte. Fünf Tage vor der Aufführung am nächsten Donnerstag ist sich die Gruppe noch nicht einig darüber, ob der Einsatz richtig ist. Klar ist nur, dass 400asa gegen die besetzten Bilder antreten will: «Auch wir brauchen konkrete Bilder für abstrakte Situationen», sagt Schwarz. Und der Probenausschnitt macht denn auch sehr schnell deutlich, dass die Truppe sich auf ihrer tollkühnen Expedition mit Haut und Haar dem Dilemma von Militanz und Dialog aussetzt. Diesen Konflikt formulierte Samuel Schwarz unmissverständlich bereits im Podiumsgespräch «Theater und Widerstand», das unter der Leitung von DRS-2-Redaktorin Isabelle Jacobi vor der Aufführung stattfand. Eine Diskussion kam dort allerdings nicht in Gange, obwohl jeder der vier Geladenen über reiche, unterschiedliche Erfahrungen zu Theater und Widerstand verfügt. Der polnische Regisseur Pawel Wodzinski stiess mit seiner Kritik am Neoliberalismus das polnische Publikum vor den Kopf, Stefan Wetzel, Dramaturg am Zürcher Schauspielhaus, kommt von einer mit 30 Millionen Franken subventionierten Institution, die sich die Reihe «Communism revisited» leistet, und die französische Schauspielerin Caroline Odoz ist im Kampf der freien Theaterschaffenden Frankreichs gegen die Revision des Arbeitslosengesetzes engagiert. Sie alle hätten viel zu sagen, wie ansatzweise deutlich wurde. Auch den Gegnern des WEF. «Wir sind Experten für Propaganda», sagt Schwarz, «unser Gehör ist geschärft für politische Lügen.» Doch zu schwerfällig ist das Gespräch, das mit Hilfe von Dolmetschern geführt werden muss. Geschärft ist das Ohr von 400asa auch für die eigenen Widersprüche, wie die Probe zum Stück offenbart. «Wir sind uns super uneinig», verrät die Truppe, die auf Interventionen aus dem Publikum setzt: Auf der Bühne hat Schwarz einen dicken Schmöker dabei und möchte die nächsten acht Stunden jenen Vortrag vorlesen, den Lenin zwölf Jahre nach dem «Blutigen Sonntag» von 1905, der als Beginn der russischen Revolution betrachtet wird, 1917 im Zürcher Volkshaus hielt. Doch ein anderer will das Publikum unbedingt mit einem Text von Michael Moore beglücken, und dann sind da auch noch ein paar hübsche Zeilen aus «Der Gott und die Bayadere» von Goethe. Doch mit dem alten Macker Goethe haben die Schauspielerinnen von 400asa ihre liebe Mühe, weil die weiblichen Rollen so beschränkt sind. Wer die Prostituierte spielt, wird später entschieden.
Darf man Brecht noch trauen?
Goethe, Lenin, Moore und Brecht, sie alle sollen mithelfen, den Konflikt zu spiegeln, den die Globalisierung mit sich bringt: «Die Globalisierung vergibt Rollen, und alle verhalten sich so, wie es das System verlangt», sagt Schwarz. Auch eine freie Truppe ist davon nicht ausgenommen. «Die kritische Theatergruppe?Haha...», das Grinsen auf der Bühne ist leicht verzweifelt. Wie fest darf man heute Brecht noch trauen? Wie gross ist die Gefahr, dass man in der Romantik gefangen bleibt und selbstgefällig wird?Wenn einen das Fernsehen unbedingt durch die Sperren und Blockaden nach Davos begleiten will? Und darf der Hoffnung vertraut werden, dass ein militanter Einsatz den von der Globalisierung Geknechteten Mut macht, die noch keine Stimme haben? Antworten folgen in fünf Tagen.
BRIGITTA NIEDERHAUSER
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