An der Endstation für linke Kultur
Die Theatergruppe 400asa wagte sich ins Gebirge
Zum Selbsterfahrungstrip geriet das Gastspiel der Theatergruppe 400asa am «Public Eye on Davos»: Die Antwort auf die «ästhetische Lücke», die die Theaterleute am WEF und Anti-WEF entdeckt haben, war eine verstörende Verweigerung.
Der Zürichsee liegt aalglatt in der winterlichen Gräue. Beim Walensee lichten sich die Wolken und die Berge enthüllen ihre schwanenhafte Schönheit. «Endlich wieder von Bergen umzingelt», sagt ein Reisender auf dem Perron von Landquart. Vor einem Jahr spritzten hier deutsche Wasserwerfer in die Menge aufgebrachter Globalisierungsgegner. Jetzt markiert dezente Polizeipräsenz die Nähe zum Gipfeltreffen der Mächtigen, am blauen Himmel kreisen Helikopter. Das Prättigau liegt verschneit. Die Rhätische Bahn passiert Fideris, das weltberühmt gewordene Viehgatter, das letztes Jahr die ganze Schweiz in Atem hielt. Demonstranten sind hier keine, in Klosters füllt sich der Zug mit Snowboardern.
Davos, Donnerstag, 17 Uhr. Die Polizei hat das Kongresszentrum und ein Hotel untersucht, weil dort eine «revolutionäre Perspektive» genannteGruppierung «Päckli mit Knallkörpern» deponiert haben will. Sie habe die Drohung ernst genommen, liess die Polizei verlauten, aber nichts gefunden. Meterhoch türmt sich der Schnee. Die allgegenwärtigen Abschrankungen sind heuer extra mit weissem Kunststoff überzogen. So freundlich präsentiert sich die mondäne Alpenstadt auch während des World Economic Forum (WEF).
In der holländischen Asthma-Klinik, einen Steinwurf vomWEF-Kongresszentrum entfernt, haben sich zum fünften Mal die NGO-Vertreterinnen und -Vertreter eingenistet. «Public Eye on Davos» nennen die Erklärung von Bern (EVB) und die Pro Natura die Gegenveranstaltung zum WEF. Absolutes Rauchverbot. In der Aula der Höhenklinik finden sonst Ärztekongresse statt. Jetzt wollen linke Kulturschaffende ein «böses und komisches Lehrstück» aufführen, eine Reise auf «fremdes Terrain» inszenieren. Leere markiert den Anfang von «Davos. Eine Expedition ins Gebirge». Auf der Bühne die Projektion einer verschneiten Landschaft. Aus dem Lautsprecher winterliche Geräusche, unterbrochen vom Rattern kreisender Helikopter. Dann huscht eine Person ins Bild und wird von einer Gewehrsalve niedergemäht. Wieder Ruhe. Neben der Bühne führt ein Gaukler seine Lehrstücke vor: Banknoten verwandeln, Seile zerschneiden und flicken, endlos Bälle spucken. Er sollte dies während der ganzen Aufführung tun unbeirrt davon, dass neben ihm ein Video gezeigt wird, das die Inszenierung des Kollektivprozesses ist, den sich 400asa aufgebürdet hat.
Das Video gleicht einem Dogma-Film. Nervöse Kamera filmt Gruppendynamik. Abrupte Szenen einer endlosen Debatte. Die Theatergruppe dreht sich um sich selber. Es wird geweint, geflucht, getröstet. Die inhaltlichen Vorgaben des 400asa-Regisseurs Samuel Schwarz werden von der 20-köpfigen Chaostruppe weggefegt. «Wir können die Inhalte nicht füllen, die wir uns vornehmen.» «Ich habe überhaupt keine Lust, Goethe zu spielen.» «Wir führen hier einen Stellvertreterkrieg, genauso, wie es die Autonomen tun.» Einzelne Szenen sind dazwischengeschnitten. Etwa jene entlarvende Situation aus einem TV-Dok-Film, in welcher WEF-Direktor Kurt Schwab einem Negerkindchen endlos das Händchen schüttelt und sich dann plötzlich abwendet. Der Gaukler gaukelt. Das Publikum applaudiert. In der Video-Schneelandschaft wird derweil die 400asa-Gruppe kollektiv erschossen.
22 Uhr. Auf den Davoser Strassen kurven jetzt nur noch schwarze und dunkelblaue Luxuslimousinen deutscher Bauart. In der Chäs-Hütte, wo die 400asa-Leute die Aufführung ihres Theaterstücks abgewartet haben, werden Poulets im Körbli und flaschenweise Wodka aufgetischt. Ein Unterhaltungsduo plärrt Schlager ins Desinteresse hinaus. Die Hochspannung in denGesichtern der 400asa-Leute weicht feuchter Fröhlichkeit.
Das WEF 2004 samt Widerspruch und militantem Widerstand ist zum Globalisierungsfestival in den Alpen geworden. Bill Clintons Pizza, das von WEF-Direktor Schwab verhängte Krawattenverbot und allenfalls die Ausschreitungen, die für heute Samstag erwartet werden, sind die Themen, die in der Öffentlichkeit hängen bleiben. 400asa fragte sich: Was macht eine selbstbewusste und selbstkritische, links politisierende, medial präzise agierende Theatergruppe am Gegenforum zum WEF? Wie besteht sie zwischen den kanonisierten Stimmen des WEF einerseits und gegen das WEF auf der anderen Seite? Die Theatergruppe hat mit einer höllischen, schmerzhaften Selbsterfahrung geantwortet, an deren Ende zwei Aussagen bleiben: Wir streiken. Wir verweigern unsere physische Präsenz. Der ganzen selbstreferenziellen Schlagseite zum Trotz: 400asas Nicht-Inszenierung passt perfekt zur inhaltlichen Leere, die das WEF als medialen Show-Zirkus inszeniert.
Gestern, Freitag, 13.00 Uhr, Landquart: Der Bahnhof wird in eine Festung verwandelt. Man wartet auf den Ansturm der «revolutionären Kräfte». Die 400asa-Leute, verkatert, unzufrieden oder aufgekratzt, brechen auf: Zürich, Hamburg, Bern. Direktor Schwab möchte, dass das WEF in Davos bleibt.
CHRISTIAN PAULI, DAVOS
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