PRESSEARCHIV

DAVOS. EINE EXPEDITION INS GEBIRGE - ST. GALLER TAGBLATT, 19.1.2004

Eine grosse Selbstverstümmelungs-Performance
WEF-Gegenveranstaltung «Das andere Davos» mit dem Theater 400asa im Zürcher Volkshaus

Unter dem Titel «Theater und Widerstand» befasste sich «Das andere Davos» auch mit Kultur: Danach stellen sich (nur zum Teil absichtlich) mehr Fragen als zuvor.

Eine «öffentliche Probe» des Theaters 400asa («Affentheater» an der Expo-1.-August-Feier) war angekündigt. Getreu ihrer neuen Arbeitsweise «weg von der Premierenkultur» und hin zu «Expeditionen ins unbekannte Gelände» wurde am Samstag im Zürcher Volkshaus schon einmal eine rohe Arbeitsfassung vorgestellt. Die eigentliche Aufführung von «Expedition ins Gebirge» soll diese Woche beim «Public Eye on Davos» gezeigt werden.

Zynische Verweigerung
Eine Arbeitsfassung? Was den Besuchern bei der Tagung «Das andere Davos» vorgeführt wurde, sah nicht danach aus, dass sich in weniger als einer Woche ein Theaterstück im auch nur einigermassen herkömmlichen Sinne daraus entwickeln könnte. Zwölf Leute lümmelten sich um Regisseur Samuel Schwarz auf der Bühne und nahmen sich gegenseitig die Mikrofone aus der Hand, wenn eine Sequenz län-ger als vielleicht drei Minuten zu werden drohte - die Eigen-einschätzung als (teilweise witzige) Selbstverstümmelungs-Performance hatte etwas an sich. Ob Michael Moore, Lenin oder Goethe den Text beisteuern sollten, durfte das Publikum bestimmen. Was aber verrät das Wahlgremium über sich selber, wenn es sich für Goethes Gedicht «Der Gott und die Bajadere» entschied? Aber ein Stück? Zweifel kommen, ob das überhaupt das Ziel ist, wenn man berücksichtigt, wie Samuel Schwarz ernsthaft gemeinte Fragen aus dem Publikum beantwortete: Die kritische Alibitheatergruppe, die wie die Prostituierte in Goethes Gedicht vom guten Herrn (Gott oder eben Schwab) aus den Niederungen emporgehoben wird, will 400asa nicht sein. Aber welche Rolle ist in Bezug auf WEF, Anti-WEF und kritischen Dialog mit dem WEF nicht schon belegt? Wenn auch ernsthafter Dialog als blosses Deckmäntelchen abgelehnt wird, bleibt wohl keine ausser der zynischen Verweigerung. Ihre Zelebrierung auf der Bühne liess allerdings auch noch das Restpublikum im deutlich zu grossen Theatersaal abbröckeln, das sich noch nicht durch die vorangegangene Diskussion hatte vertreiben lassen.

In Phrasen stecken geblieben
Denn das Podium mit 400asa-Regisseur Schwarz, dem Schauspielhaus-Dramaturgen Robert Wetzel sowie einer französischen und einem polnischen Theaterschaffenden war der Frage nach Widerstand und Politik im Theater fast alle Antworten schuldig geblieben. Wo die ausländischen Teilnehmer über ihre eigenen nationalen Anliegen hinwegschauten, blieben sie in Phrasen stecken, während sich Wetzel vom polemisch argumentierenden Schwarz (auch eine Rolle) in eine wenig ergiebige Strukturdiskussion verwickeln liess. Alternativen von unten wollte die Veranstaltung aufzeigen. «Probe» wie Podium hinterliessen nur Ratlosigkeit.

tobias gerosa

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