Auf einen schöpferischen Schnaps
Samuel Schwarz inszeniert Shakespeares "Heinrich IV." in Bochum
Ordinär, dieser Riesenbauch; seltsam, diese Riesenaugen. Und überhaupt: Sir Sekthaubitze ist ganz und gar Kugel. Von seinem Superwanst sagt er: "Wo viel Fleisch, da viel Schwachheit." Doch seine Augen bibbern: "Wer den molligen Jack verstößt, verstößt die ganze Welt." - Sir John Falstaff hält sich bescheiden für die größte Kugel, für nichts weniger als die Welt. Weil er weiß: "Diese Welt ist gezimmert aus Lügen."
Falstaff ist ein Clown. Immer auf der Hut, sein Leben zu retten in hochgefährlicher Welt. Immer darauf erpicht, sich's trotzdem drin "lustig" zu machen mit einem "schöpferischen Schnaps". Und Falstaff ist die Hauptrolle in Shakespeares History-Soap "Heinrich IV.". Die erzählt von Königsmord, Eroberungskrieg, Gewaltherrschaft, Opportunismus. Regisseur Samuel Schwarz blätterte sie gerade wegen der Pappschwerter und trotz der bloß bedingt witzigen, dafür über-üppigen Videoschnipselei überrumpelnd gegenwärtig in Bochum auf.
Auch verschmolz er das machiavellistische Polit- und grausame Schlachtenpanorama pfiffig mit dem Tragikomödienstadel "Zum wilden Schweinskopf", der Stammkneipe Falstaffs. Seiner Heimstatt mit Puffbetrieb, der kanonenumdonnerten Tankstelle seiner Lebenslust: "Niemals Wasser predigen, immer Wein trinken."
Diesen Falstaff verkörpert Katharina Thalbach: Wuschelweißer Haarrest auf Glatze, grauer Fusselbart unter abstehenden Ohren, prall ausgestopft das ausgedehnte Fleischgebirge, der Bauchnabel so sexy und groß wie ein Schnapsglas. O Wunderwerk der Maske.
Doch das Schönste, Betörendste, Bestürzendste: Das bis in die letzte Rangreihe reichende, riesengroße, entweder witzgleißende oder melancholieschimmernde Augenpaar der Thalbach. Gierig, bei allem Fett doch entzückend verführerisch, nimmt ihr "Sekt-und-Zucker-Jack" die Nutten. Und staunt, dass der Wille das Vermögen so lange überlebt. Um dann um so enthusiastischer, zärtlich packender sein kleines Mädel zu ergötzen - er weiß, "es gibt noch andere Arten". - In dieser das Kabarettistische streifenden Nummer fallen alle Euphorie, alle Lust und alle Bitterkeit, alles Abschiedsweh der Welt in eins. Wunderbare Thalbach, wunderbarer Shakespeare.
Und wunderbar die lakonisch poetische, Zeitgenossenschaft nicht oktroyierende, sondern gekonnt imaginierende Text-Neufassung des Dichters und Dramatikers Lukas Bärfuss. Schade, dass der Historienbilderbogen schauspielerisch versackt im Illustrativen; was der pointierte Text wiederum ziemlich wettmacht. Was aber nicht heißen soll, die Katharina Thalbach hätte das Ensemble vereinnahmt: Es war halt wirklich schwächlich. Abgesehen von Fabian Krüger als wahrlich entzückendem Harry. Falstaffs Kumpel in Suff, Stehlerei und Hurerei. Als des dicken Teddys "junges, frechstes, süßestes" Objekt der nicht gänzlich väterlichen Liebe. Fabian gibt einerseits entrückt einen fernen Verwandten Hamlets, der naserümpfend sich dem Ernst des Daseins sperrt - um andererseits den kalten Karrieristen, den machtgeilen, mit allen Wassern gewaschenen Karrieristen und Thronnachfolger herauszukehren.
Falstaff ist ein Nachfahre des Dionysos und ein Urahn Schwejks, ein so bezaubernder wie durchtriebener göttlich-plebejischer Überlebenskünstler. Harry ist auch einer. Aber einer, der überleben will nur, um eiskalt eine Welt zu regieren. Falstaff will nichts weiter als leben, lieben, trinken.
Am tragödischen Schluss der blutigen Kömödie wird er von seinem Harry-Herz, der sich emporgewuchtet hat zu Harry-Herzlos, zum neuen Herrscher Heinrich-fünf, am Ende wird Falstaff von der unerwiderten Lebensliebe schmählich verraten und mörderisch in Stich gelassen.
Da weint Sir Thalbach stumm und weltverloren. Hinein in eine ahnbar unheilvolle Shakespeare-Dämmerung.
Reinhard Wengierek
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