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Heinrich IV. - Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.5.2003

Kübel schlägt Krone
"Heinrich IV." videogestützt am Schauspielhaus Bochum

Aus Shakespeares Raritätenkasten fällt "Heinrich IV." nur selten auf die Bühne. Die Opernfassung hat, in Gestalt von Verdis "Falstaff", dem Historienspiel längst den Rang abgelaufen, und auch im Schauspielhaus Bochum, angeblich dem einzigen Theater weltweit, das alle Stücke des Elisabethaners aufgeführt hat, ist es seit 1958 nicht mehr vorgekommen. Das Wiedersehen muß mithin keine großen Rücksichten nehmen, und so stutzt es Lukas Bärfuss, der das Werk bearbeitet und neu übersetzt hat, auf Standardmaße: Das Doppeldrama, das mit zweimal fünf Akten den Mittelteil der Lancaster-Tetralogie bildet, wickelt der Schweizer Autor des Jahrgangs 1971 zum Schauspiel mit fünfundzwanzig Szenen ab.

Der olle Shakespeare offenbart da schnell Schwachstellen, doch die Inszenierung von Samuel Schwarz bietet ihm Beistand. Rechts auf der Bühne ist eine Art Filmstudio aufgebaut, von dem aus Katrin Bethge und Peer Engelbracht die Aufführung bebildern: Wenn König Heinrich IV mit dem Rücken zur Rampe, im Bett liegt, dann erscheint auf dem Rundhorizont seine Leidensmine in Großaufnahme, und auch der Zuschauer in der letzten Reihe des Rangs kann ihm tief in die Augen blicken. In Ausschnitten und Ausführungen, Vignetten und Versatzstücken, mit Blow-ups und Stand-Stills, eingeschobenen Außenaufnahmen und eingeblendeten Beschriftungen, floralen Dekors und Abstrahierungen begleiten Kamera und Schneidetisch das Geschehen, kommentieren und kontrapunktieren, komplizieren und konzentrieren es: Die Technik will dem klapprigen Klassiker auf die Beine helfen.

Das ausführliche Bildprogramm, das friesartig über die Aufführung gelegt wird, aber kann die dramaturgische Klammer nicht herstellen. Der Aufstieg des Prinzen Harry, wie er hier heißt, dem Sohn Bolingbrokes, der sich die Zeit seiner Thronanwärterschaft saufend und raufend mit Falstaff vertreibt, ehe er sich, vom Kneipenkumpan zum Kämpfer, der den aufbegehrenden Heinrich "Heißsporn" Percy ermordet, und zum König wandelt, springt zwischen plebejischem Alltag und hoher Politik, Schankraum und Schlachtfeld, Halunkengesinnung und Herrscherpflichten, Wegelagerei und Adelsrebellion hin und her, aber auch auf und ab. In den Kontrasten und Lücken einer offenen Dramaturgie entwickelt sich die Historie zur Parabel über Macht und Moral, Emanzipation und Ehre: Ihre Szenen kann die Regie in Bochum aber nicht so weit verzahnen, daß sie Konkretion und Dringlichkeit annehmen.

Auf der Bühne von Chantal Wuhrmann, mit ihrem Mulden und Mauerresten, Schilf und Sand eine Art Abenteuerspielplatz auf lehmroter Erde, den später Zinnen im Stil des Faller-Baukastens gliedern, wird jeder Auftritt neu und allzu breit arrangiert: Das Geschichtsdrama zerfällt, schwankend zwischen Zechtour und Zeremoniell, Wehleidigkeit und Waffengang, in viele kleine Geschichten, die sich, ob derb komisch oder staatsaktionistisch steif angelegt, selbst genug sind. Ausflüchte und Äußerlichkeiten, Albernheiten und vermeintliche Aktualitäten sind die Folge: Nach der martialisch aufgedonnerten Schlacht von Shrewsbury interviewt ein zappliger Kriegsreporter im weißen Anzug sensationsgierig die Opfer.

Die meisten Schauspieler bleiben unter ihren Möglichkeiten. Doch während Fabian Krüger als Prinz Harry und Thomas Büchel als Heinrich Percy immerhin Porträts skizzieren und Julie Bräuning oder André Meyer, die beide drei Rollen übernehmen, ihre Wandlungsfähigkeit aufblitzen lassen, gefällt sich Katharina Thalbach, die den Falstaff als dick ausgestopfte Hosenrolle im berlinernden Quasselstrippentonfall gibt, in der Pose des Routiniers, der sich mit jedem Auftritt ein "aber das kann ich doch auch" bescheinigt. So ist lange vor dem späten Ende entschieden, daß der Sektkübel, der Falstaff zwischendurch deckelt, die Krone, die sich der Prinz so mühsam erobert, besiegt. Auch die Frage, welches der beiden Insignien dem Regisseur gebührt, wird von der Aufführung früh beantwortet.

ANDREAS ROSSMANN


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