FRANKFURTER RUNDSCHAU 18.5.2004
Blitzende Augen
Bochum: Thalbach spielt Falstaff, Dorst inszeniert "Ich, Feuerbach"
Ein Schattenriss zeigt einen dicken Mann, der am Galgen hängt. Der Balken bricht, der voluminöse Körper fällt in die Tiefe. Voller Entsetzen schnellt Falstaff in die Höhe, die riesigen Augen weit geöffnet, als wollte er die Welt in sich aufsaugen, sich vergewissern, dass er noch lebt. Mit einer Schicksalsahnung tritt der dicke Ritter, der korpulente Kavalier und leibesvolle Lebenskünstler in die Bochumer Inszenierung von Shakespeares Heinrich IV. Der Abend ist ganz auf den vitalen Saufkumpan und Hurenbock zugeschnitten. Katharina Thalbach, die in Berlin als Hautmann von Köpenick bereits Hosenrollenerfahrung gesammelt hat, gibt diese Fleisch gewordene Hymne ans pralle Lotterleben mit brabbelndem Bariton, clownesker Spiellust und Andeutungen tiefer Traurigkeit. Es sind die Augen, in denen sich spiegelt, was Falstaff niemals sagen würde.
Die Gefährten spielen ihm böse mit, dem Fettsack und Angeber. Einmal scheinen sie es zu toll zu treiben, da geht Falstaff weg. Ein Moment des Schweigens, dann ist er wieder da, mampft eine Banane, tut so als ob nichts gewesen wäre. In diesen Augenblicken ist Katharina Thalbach ganz groß. Kostümdesigner Rudolf Jost hat sie in einen enormen Kunstbauch gesteckt, der auch dann echt aussieht, wenn sie das Hemd lüpft. Sogar ein faltiger Schwabbelhintern wird sichtbar. Katharina Thalbachs Erfolg ist auch ein Triumph der Maske.
Pathos-Grand-Prix
Regisseur Samuel Schwarz spielt selbstironisch mit den Mitteln des Theaters. Wie von dem Mitgründer der Schweizer Off-Gruppe 400 asa gewöhnt, stellt er die Technik offen aus, lässt die Zuschauer in den Prozess hinein schauen. Das Halbrund ist eine große Projektionsfläche, auf die ein Ensemblemitglied vom rechten Bühnenrand aus Bilder, Videos und live gestaltete Schattenspiele wirft. Als Falstaff eine Leiche nicht fort bewegen kann, bringt er tastend und schiebend die Drehbühne in Gang. Einige witzige Pointen gelingen durch dieses Spiel auf mehreren Ebenen, die Schlachtszene inszeniert Schwarz mit zerfetzten Filmfragmenten, durch die Falstaff mit hinreißendem Watschelgang wie ein dicker Enterich in Stahlgewittern läuft. Aber die dauernde Bilderberieselung ermüdet im Lauf der dreieinhalb Stunden. Außerdem bekommen die Nebenfiguren kein Leben. Martin Horn enttäuscht als Heinrich IV. mit hohler, zwischentonarmer Deklamation als wolle er einen Pathos-Grand-Prix gewinnen. Auch Thomas Büchel bleibt als rebellierendes Frontschwein Percy mit Grollstimme und Wut im Blick eindimensional.
Mit der grandiosen Katharina Thalbach kann lediglich Fabian Krüger mithalten, der die Wandlung vom leichtlebig-jugendlichen Harry zum König Heinrich V. mit beängstigender Natürlichkeit verkörpert. In dieser Rolle zeigt sich die Aktualität des Stückes, das Lukas Bärfuss mit viel Sprachgespür bearbeitet hat, wuchtig-sprachgewaltig im politischen Teil, in den Volksszenen nah am Gegenwartsslang. Prinz Harry glaubt zu Beginn, die Welt sei eine einzige Fete. Dann gibt es Krieg, und Harry weiß nichts besseres zu tun, als veraltete Ehrbegriffe zu übernehmen. Er ist ein Chamäleon, die Charakterlosigkeit sein wahres Ich. Gefährlich ist er für den, der trotz zynischer Sprüche an seine Freundschaft und Solidarität glaubt.
"Kaum fällt der Abend, wird der König nach mir rufen", sagt Falstaff, und wiederholt den Satz, bis der Vorhang fällt. Einige Schauspieler schauen wenige Minuten, bevor sie im großen Haus Heinrich IV. spielen, im Kostüm auf der Bühne der Kammerspiele vorbei. Dort wird gerade eine Dekoration abgebaut, Requisiten liegen herum. Ein cooler, attraktiver Regieassistent (Alexander Maria Schmidt) gibt den Bühnenarbeitern Anweisungen und wünscht zwischendurch den Darstellern viel Glück für die Vorstellung nebenan. Tankred Dorst inszeniert sein eigenes Stück Ich, Feuerbach, einen szenischen Essay über das Theater. Den 1986 uraufgeführten Text hat Dorst für Bochum etwas aktualisiert. Der Assi als Vertreter der Avantgarde träumt ganz dem Zeitgeist entsprechend davon, puren Realismus auf die Bühne zu bringen, einen Menschen, der Nudeln isst, ohne Interpretation und Rahmenhandlung. Trotzdem wirkt Ich, Feuerbach ein wenig angestaubt. Fast die gesamten hundert Minuten bestehen aus einem manischen Monolog des Schauspielers Feuerbach, der sich als Vertreter der alten Schule aufführt, mit Dramentiteln und Namen um sich wirft, die kaum einer kennt. Plötzlich spricht er in Zungen wie biblische Propheten, entkleidet sich, steigt auf eine herum stehende Treppe und beschwört die Vögel. Wolf-Dietrich Sprenger spielt diesen Feuerbach hart am Rande der Lächerlichkeit. Was mutig ist. Trotzdem wird schnell deutlich, dass Tankred Dorst kein Thomas Bernhard ist, dass der Theatermacherton bei ihm bieder wirkt, keine Eruption eines Wortwahns, sondern intellektuelles Konstrukt. Das Theater ist ein surrealer Raum, in dem ein Regisseursphantom sich von roter Beete ernährt, in einem Sessel vor sich hin denkt und vielleicht auch gar nicht existiert. Eine Frau hat sich auf die Anzeige gemeldet, das Theater brauche einen Hund. Das Tier hat sich selbstständig gemacht, läuft irgendwo im Haus herum, und sein trotteliges Frauchen demoliert nebenbei die Ausstattung. Ich, Feuerbach bleibt eine etwas tranige Tragikomödie für Insider, die bildungsbürgerliche Variante der Theaterselbstbespiegelung, deren leichte, manchmal etwas beliebige Spielart Samuel Schwarz in Heinrich IV. vorführt.
VON STEFAN KEIM
|