Falstaff schnarrt
William Shakespeares „Heinrich IV.“ ist in Bochum in einer Fassung von Lukas Bärfuss zu erleben.
Der junge Mann, der plötzlich vor der Bühne steht, hat eine schwere Zunge. Er will nur sagen, dass „alles ganz einfach ist“, was die Zuschauer in den nächsten dreieinhalb Stunden erwartet. Und als der Vorhang endlich aufgeht, zeigt der schlaksige Jüngling mit dem Tonsurschnitt auf den Stammbaum seiner Ahnen: alles Schurken und Verbrecher, die sich einst Könige nannten. „Heinrich IV.“, das frühe Kampf-um-Macht-Spiel Shakespeares, hat von Lukas Bärfuss, Jahrgang 1971, eine neue Sprache bekommen - klar und deutlich, bildreich und witzig. Die umzusetzen, ist nicht einfach, wie die Inszenierung im Bochumer Schauspielhaus beweist. Regisseur Samuel Schwarz wagt den Totaleinsatz mit der bunt ausstaffierten, doppelt und dreifach agierenden Truppe. Die ganze Bandbreite von komisch bis ernst, von albern bis tragisch, mal zotig, mal poetisch, scheinbar improvisiert. Doch nichts hält richtig zusammen.
Keine leichte Aufgabe, dieses zweigleisig angelegte Stück, in dem der fette, faule Fuchs Falstaff der Titelfigur den Rang abläuft. Das unverwüstliche Urviech spielt in Bochum Katharina Thalbach. Mit aufgepolstertem Dickwanst, weißem Fusselhaar und kleinen Stiefelchen zieht sie alle Register - schnaubend, schnarrend, augenkullernd (auch mal ins Publikum), ein feiger, lüsterner Antiheld mit Mutterwitz und - dank Bärfuss - allerlei Bezüglichkeiten auf das Hier und Heute. Diesem mit allen Wassern gewaschenen Lustmolch schmeckt der Sekt allemal besser als die Ehre.
Die Thalbach schreckt vor nichts zurück. Ein kugelrundes Energiebündel, das seine Allerweltsmoral genüsslich ausplappert und sogar Melancholie spürbar macht. Wir dürfen das schreckliche kleine Monster fast gern haben. Nur, richtig zupacken, den Nerv treffen, das schafft die Thalbach in der allzu turbulenten Inszenierung nicht. Am Ende wird Falstaff in die Verbannung geschickt. Er heult wie immer mit den Wölfen und klatscht Beifall. Wie das begeisterte Publikum.
DIETER SPARRER
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