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Heinrich IV. - Märkischer Zeitungsverlag, 17.5.2004

Wanst voll Lebenslust
Katharina Thalbach brilliert als Falstaff am Schauspielhaus Bochum in Samuel Schwarz' und Lukas Bärfuss' Fassung von "Heinrich IV."

Es ist unglaublich, wie Katharina Thalbach zum Falstaff ausgestopft wurde. Das Weißhaar, der Backenbart, Puder, vor allem der Tonnenbauch. Jetzt fallen auch noch die Hosen, sie lässt sich den Wanst streicheln, greift Dolly unter den Rock, versucht feisten Altherrensex auf der Liege, den William Shakespeare nicht in seinen Text aufgenommen hatte. Und das funktioniert. Die Thalbach geht in der berühmten Nebenrolle des alten feigen gierigen Ritters auf - und reißt das Publikum am Schauspielhaus Bochum mit.

Das Duo Samuel Schwarz (Regie) und Lukas Bärfuss (Übersetzung und Bearbeitung) hat Shakespeares Königsdrama "Heinrich IV." sehr auf den Bühnen- und Leinwandstar zugeschnitten. Grandios nicht nur auf dem Lotterbett gibt die Thalbach den lebenshungrigen kleinen Mann, den die höfischen Machtspiele mal zum Titel eines Duke oder Earl, mal ins Unheil treiben. Wunderbar schwadroniert sie vor Spießgesellen, und das Videoteam notiert und streicht auf der Großleinwand die widersprüchlichen Zahlen der Gegner, die Falstaff bezwungen haben will. In die Rüstung zieht sie den Kopf ein wie eine Schildkröte, sie wirft sich auf den Boden wie ein Käfer. Und greift dann prahlerisch zur Pistole, um den toten Gegner abzuknallen. Später sitzt sie als Veteran auf der Bank, legt die all eitle Komik der Ferkeleien und des Slapstick ab, ernüchtert, einsam.

Landschaften mit Topfblumen
Ein prächtiger Falstaff: Nicht wirklich schlecht, einfach nur unbekümmert um Moral, ein Bösewicht aus einer Kinderwelt, in dem Hotzenplotz, Karlsson und Schweijk mitklingen. Man kann so einen lieb haben.

Shakespeare hatte die Figur als Gegenbild entworfen. Er zeigt in "Heinrich IV." den Epochenumbruch. Der Titelheld hat den Thron mit Gewalt erobert. Gerade rüsten seine Komplizen von gestern zum Bürgerkrieg, wollen mehr. Heinrich IV., krank, dem Tod nah, will das Reich bewahren, den Kampf meiden. Ausgerechnet dem Heißsporn Heinrich Percy, Sohn seines Feindes, des Grafen von Northumberland, fühlt er sich näher als seinem Sohn Heinrich, der hier Prinz Harry heißt und sich mit Falstaff dem Müßigleben hingibt.

Bärfuss/Schwarz kondensieren die zwei Teile zu dreieinhalb Stunden: Zunächst die Geschichte der scheiternden Revolte. Nach der Pause das Ende des Königs und die Machtübernahme durch den geläuterten Sohn. Das ist viel Stoff, der nur durch rigide Striche und den Einsatz der Videoprojektion zu bewältigen ist. Kathrin Bethge und Peer Engelbrecht zaubern mit Overheadprojektor, Schattenrissen und Live-Kameras, mit kurzen Filmchen, Topfblumen, Brausetablette und Häkeldeckchen Landschaften, Wetter und Schlachtengetümmel. Sie betonen, fassen zusammen, unterstreichen und geben Percy ein Che-Guevara-Signet aus Licht.

Bärfuss/Schwarz entwerfen ein pessimistisches Bild von Herrschaft: Alle sehen die Macht nur als Mittel zur eigenen Bereicherung, allenfalls der König denkt manchmal an die Untertanen - aber seine Zeit läuft ab. Der Thronerbe giert nach der Krone und zerrt sie in einer bildmächtigen Szene dem schlafenden Vater auf dem Totenbett aus den Händen. Der neue König sagt sich vom Glücksbegehren seiner Untertanen los. Es kommt eine grausame Herrschaft grauer Bürokraten

Das Bochumer Ensemble erweist sich des Gaststars als ebenbürtig. Fabelhaft, wie Julie Bräuning Dolly, Lady Percy und Prinz John spielt - mit sekundenkurzen Umkleidepausen. Ein hinreißender Rebell ist Thomas Büchel als Percy, ein Lederjackenträger unter Warmduschern in Spitzen; selbst das Stottern macht er in Würde. Martin Horn spielt den König, einerseits gebrechlich an Stöcken gehend, hustend, so verletzlich, andererseits vermittelt er überzeugend die Autorität, die den Herrscher selbst im Nachthemd nicht verlässt. Schließlich der famose Fabian Krüger als Prinz, am Anfang ein wie bekifft monologisierender Halbstarker, am Ende ein glatter Manager, der Schluss mit lustig macht.

Ralf Stiftel

 


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