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Falstaff ist eine Schildkröte
Shakespeares "Heinrich IV." am Bochumer Schauspielhaus
Falstaff ist eine Schildkröte. Mit einer abenteuerlichen Besetzung der Rolle des dicken Ritters überraschte der junge Regisseur Samuel Schwarz in seiner launigen Inszenierung von Shakespeares "Heinrich IV." im Bochumer Schauspielhaus.
Das selten gespielte Doppeldrama schließt direkt an Richard II. und die unredliche Machtergreifung durch Bolingbroke an, der England nun als Heinrich IV. regiert: Aufrührer machen sich bereit, Waffengänge drohen. Das ist die politische, die Adels-Ebene. Parallel dazu hat Shakespeare allerdings jene Spelunkenszene gestellt, in der der gewitzte Lauschepper Sir John Falstaff das große Wort führt. Prinz Harry feiert eifrig mit, was Vater Heinrich Kummer bereitet. Er sieht den Thronfolger wanken.
So sehr auch das Historien-Geplänkel heutzutage seine Brisanz verloren hat, theatertauglich ist nach wie vor die deftige Rolle des Falstaff. Shakespeare-Experten wie Ulrich Suerbaum sind sogar der Ansicht, dass sich die Aufführung von Heinrich IV. eigentlich nur noch für diese Figur lohne.
So eng blickt Regisseur Samuel Schwarz nicht auf das ausufernde Drama, das er und Autor Lukas Bärfuss auf eine dezent-moderne und handhabbare Fassung eingedampft haben. Kriege gibt es nach wie vor, nur die Machart hat sich verändert. Schwarz setzt somit ein multimediales Spektakel in Gang, das in seiner Perfektion zunächst verblüfft, im Laufe der über dreistündigen Inszenierung jedoch gelegentlich beliebig in der Wahl seiner Mittel verfährt.
Die Helden hoch zu Ross auf der Großleinwand: Da reitet Hollywood mit. Die Schlacht bei Shrewsbury auf unwirtlichem Gelände: von Videobildern blutig überzogen. Wirklichkeit wird zusehends vermittelte Realität. So weit ist die Botschaft klar. Ärgerlich sind darum Stilbrüche, wenn die tödliche Wunde des Percy Heißsporn als roter Lichtpunkt zwar frappierend den ferngesteuerten Tod im computergestützten Krieg zitiert, der sterbende König indessen ausgiebig eine milchige Flüssigkeit sabbern muss. Thomas Büchel als Percy und Martin Horns Heinrich IV. bleiben leider schwach und farblos.
Falstaff, die Rolle für aufrechte Mannsbilder, wird von der zierlichen Katharina Thalbach gespielt. Sie schaukelt dafür eine überdimensionale Wampen-Attrappe vor sich her, die nicht immer passt: Wenn zu Beginn dieser zur Groteske aufgeblasene Fal-staff der Völlerei huldigt, wirkt sein lebensgieriges Schwadronieren wie ein Fremdtext, den er von einem Heinrich George ausgeliehen zu haben scheint. Trippelt Falstaff jedoch in übergroßem Brustpanzer - in den er sich wie eine Schildkröte zurückziehen kann - über das Schlachtfeld, entfaltet er anrührend den tragikomischen Tiefsinn einer bemitleidenswerten Comic-Figur.
Erst ganz zum Schluss, in der kindlichen Verwunderung über Prinz Harry, der, nunmehr ganz staatstragender Regent, seinen ehemaligen Zechkumpan nicht mehr kennen will, vereinen sich Figur und eigenwilliger Regieeinfall vollends: Falstaff zeigt sein hilflos-verdattertes Gemüt, dem die vitale Opulenz - sprich Korpulenz - im wörtlichen Sinne nur aufgepappt ist.
Die Überraschung des Abends ist indessen Fabian Krüger als Prinz Harry: Im Spelunkenmilieu von fast debiler Hilflosigkeit, wird er sich seiner royalen Aufgaben zunehmend bewusster, beinahe ungewollt reift in ihm die Tatkraft, wobei Krüger jedes Pathos nicht ironisch, sondern durch einen vitalen Lebenshauch im Mediengetümmel ringsum unterläuft. Wie beruhigend: Der Mensch killt hier fraglos die (Video-)Maschine!
Werner Streletz
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