Zwischen Buch und Bühne
Ödön von Horváth in der Roten Fabrik
«Drum schonet mir an diesem Tag Prospekte nicht und nicht
Maschinen», hat niemand zu ihnen gesagt. Also haben sie keine
Prospekte und kaum Maschinen - aber dafür ein etwas anderes
Theaterkonzept. Was den dänischen Filmemachern um Lars von
Trier ihr «Dogma 95», ist dem Ensemble 400 Asa um den
Wahlzürcher Samuel Schwarz das - aus finanziellen Nöten
- geborene «Bekenntnis 99»: keine Requisiten, keine
Verstecke für Scheinwerfer und Tontechnik, keine Kulissen;
und keine Abgänge, keine Figuren, kein Schauspiel. Kein Schauspiel?
Für die erste Produktion nach den neuen Regeln hat sich 400
Asa ausgerechnet jenes hellsichtig-flotte «Volksstück
in sieben Bildern» von 1931 ausgesucht, das Alfred Kerr als
«besten Zeitspass dieser Läufte» feierte. Spässe
waren rar in diesen Läuften: Ödön von Horváths
«Italienische Nacht» spielt in einer süddeutschen
Kleinstadt im Jahr 1930. Am Donnerstag war das (Nicht-)Drama, das
Anfang September in Bern Premiere hatte, zum erstenmal in Zürich
zu sehen, und an der Kasse der Roten Fabrik stand man Schlange.
Brechend voll ist es an dem Abend auch auf der Bühne: Da sitzen
die einen wie ein puritanischer Kaninchenzüchterverein an einer
langen Tafel, klägliche Mineralwasserfläschchen vor sich
- und hinter sich die anderen, die gequält dastehen wie fusskranke
Kellner, denen ein Diner mit notorischen Nörglern droht (Bühnenbild:
Chantal Wuhrmann). Es sind dann aber doch keine Kaninchenzüchter,
sondern die Genossen des republikanischen Schutzverbandes - der
freilich auch nicht viel politischer ist, wie sich im Lauf dieser
Satire auf «die Masse der Politisierenden und den Gebrauch
politischer Schlagworte» (Horváth) zeigen wird. An
ihrem bunten Abend, der italienischen Nacht, schwitzen sie denn
auch bloss bei Tanz und Tarock, bis die Faschisten ihnen den Marsch
blasen.
«Im Wirtshaus des Josef Lehninger . . . Es ist Sonntag vormittag,
und die Sonne scheint»: Alle rund zwanzig Schauspieler zücken
ihre grünen Suhrkamp-Taschenbuchbände und lesen im Chor
die erste Regieanweisung vor. Auch das gehört zum «Bekenntnis
99»: Nur Text lesen, nicht Text spielen, aber dafür den
ganzen Text von der ersten Ortsbeschreibung bis zur letzten Regieanweisung,
von den eitlen Spiegelfechtereien über Mein-Marx-dein-Marx
bis zur Prügelei mit den Nazis - die hier noch mit dem Sieg
der Demokraten endet. Doch zum Glück hält sich die Gruppe
400 Asa nur bedingt an ihre eigenen Maximen. Wenn etwa Fabian Krüger
als rebellischer Martin, der die Zeichen der Zeit erkennt, loslegt,
schlägt er gerade durch seine kargen Gesten, seine strenge
Mimik alle in seinen Bann. Mal wird eine Regieanweisung konterkariert,
mal wird sie punktgenau befolgt; mal werden die Sätze zögerlich
abgelesen, mal auswendig gesprochen: fast immer jedenfalls kreiert
der 28jährige Regisseur Samuel Schwarz eine fruchtbar ironische
und ironisch fruchtbare Spannung zwischen Buch und Bühne (Co-Regie:
Udo Israel). Eine Spannung, in der sich jedes Vogelgezwitscher nach
David Lynch anhört und das Hakenkreuzlied, ein wenig fragwürdig,
in Countrygejodel ersäuft (Musik: Frank Heierli). Zwischen
Papiergeraschel, Chorgeflüster und Partylöwengehabe an
der italienischen Nacht wächst ein Spiel, oft faszinierender
als viele, die eins sein wollten.
Alexandra M. Kedve
Zürich, Rote Fabrik, 14. Oktober. |
|