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OTHELLO - Berliner Morgenpost - 8.12.2001

Othello im Pornoladen

Von Christian Forsthoff

Verkrümelt hat sich keiner. Auch wenn uns das Regisseur Samuel Schwarz alias Ingo Heise empfohlen hat für den Fall von Langeweile. «Scheren Sie sich zum Teufel, verpissen Sie sich - wir finden das, was wir machen, spannend.» Hätten wir ja auch gern: Schließlich war Großes angekündigt für diese Uraufführung im Neuen Cinema in Hamburg. «Othello - Ein Blue Movie» sollte da gezeigt werden in der Nebenspielstätte des Deutschen Schauspielhauses, die Verwandlung eines Dramas in ein Dramolett in ein Drehbuch. Eine Live-Verfilmung, ein Streifen über kleinbürgerlich-pornographische Fantasien, eine «neue Form des an die Öffentlichkeit-Tretens», die Beweisführung, dass im Theater ein «Spielfilm zu entwickeln und während den Aufführungen zu drehen» sei. . . - und am Ende des Abends sollte der Film vorgeführt und die Videokassette versteigert werden.

Alles Lüge. Natürlich können auch ein Theater-Revoluzzer wie Samuel Schwarz und sein Schweizer 400asa-Kreativ-Team nicht binnen zweieinhalb Stunden einen Film drehen und schneiden. Ward also nichts mit der Auktion, statt dessen laufen nach dem Schlussbeifall auf einem Monitor im Foyer Mitschnitte aus den fünfwöchigen Proben: schlecht ausgeleuchtete, sterbenslangweilige Aufnahmen des eben Gesehenen. Die werfen die Frage auf, was die Zuschauer mehr langweilen wird: die Theateraufführung oder der Film.

Dabei träumte die freie Theatergruppe 400asa auf ihrer Website schon davon, Filmgeschichte zu schreiben - doch dieser Blue Movie dürfte es nicht einmal in ein Pornokino schaffen. Mit Sex hat diese Aufführung so viel im Sinn wie eine drogenabhängige Hure auf dem nahen Straßenstrich mit Erotik. Wohl ist im «Othello»-Dramolett von Lukas Bärfuss vom Huren, Vögeln und Bespringen die Rede - allein: Diese Verbalerotik weckt keine Lust. Fast alle Sprach- und Vers-Spuren Shakespeares hat der Schweizer Autor getilgt, geblieben ist das Handlungs-Skelett, dem Bärfuss ein «modernes» Sprachgewand angelegt hat. (Komplizierte) Liebe, Intrige und Othellos Mord an Desdemona: «Wir sind am Ende unserer Tragödie und unseres ersten Drehtages», verkündet Schwarz.

Aber es sollte ja wohl auch ein Blick hinter die Kulissen des Films (und des Theaters?) sein. So ist jede Regieanweisung zu vernehmen, jeder Einsatz des Mannes mit der Kamera und der Frau mit dem Mikrofongalgen live zu verfolgen. Eine Inszenierungs-Idee, die Schwarz zuletzt bei «Medeää» im Studio des Maxim- Gorki-Theaters umsetzte - nur: nicht jeder Einfall taugt zum Recycling. Immerhin, die Umbaupausen bieten Zeit, im Programmheft zu blättern. Von der «Kriegsgeschichte» Othello schreibt Bärfuss dort und liefert die Moral gleich mit: «Man begibt sich als Liebender besser nicht in den Krieg. Ein liebendes Herz leuchtet wie eine Zigarettenglut im Dunkeln, für einen Krieger ist beides verräterisch und letztlich tödlich.»

Dazu weitere kluge Gedanken über die Wahrheit als erstes Opfer im Krieg und dass es kein Ideal gäbe, für das es sich zu sterben lohnt.

Gerade in Zeiten wie diesen hätte sich daraus ein spannendes Projekt spinnen lassen. Stattdessen begnügt sich der Text mit einem Kanzler-Zitat, wenn Jago seinem General Othello erklärt, Desdemonas Liebes-Verrat sei «ein kriegerisches Ereignis, ein Bündnisfall - Sie haben meine uneingeschränkte Solidarität». Das bringt ein paar Lacher wie auch der Schnelldurchlauf anfangs, als die sechs Darsteller die Handlung zungen-verknotend runterrasseln, mehr aber auch nicht.

Doch vielleicht wollte Samuel Schwarz uns alle ja auch nur durch den Kakao ziehen, die abgenutzten Theater- und Film-Produktionsabläufe persiflieren. Gereicht hat es nur zu müdem Studententheater.


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