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Othello im Pornoladen
Von Christian Forsthoff
Verkrümelt hat sich keiner. Auch wenn uns das Regisseur
Samuel Schwarz alias Ingo Heise empfohlen hat für den Fall
von Langeweile. «Scheren Sie sich zum Teufel, verpissen
Sie sich - wir finden das, was wir machen, spannend.» Hätten
wir ja auch gern: Schließlich war Großes angekündigt
für diese Uraufführung im Neuen Cinema in Hamburg. «Othello
- Ein Blue Movie» sollte da gezeigt werden in der Nebenspielstätte
des Deutschen Schauspielhauses, die Verwandlung eines Dramas in
ein Dramolett in ein Drehbuch. Eine Live-Verfilmung, ein Streifen
über kleinbürgerlich-pornographische Fantasien, eine
«neue Form des an die Öffentlichkeit-Tretens»,
die Beweisführung, dass im Theater ein «Spielfilm zu
entwickeln und während den Aufführungen zu drehen»
sei. . . - und am Ende des Abends sollte der Film vorgeführt
und die Videokassette versteigert werden.
Alles Lüge. Natürlich können auch ein Theater-Revoluzzer
wie Samuel Schwarz und sein Schweizer 400asa-Kreativ-Team nicht
binnen zweieinhalb Stunden einen Film drehen und schneiden. Ward
also nichts mit der Auktion, statt dessen laufen nach dem Schlussbeifall
auf einem Monitor im Foyer Mitschnitte aus den fünfwöchigen
Proben: schlecht ausgeleuchtete, sterbenslangweilige Aufnahmen
des eben Gesehenen. Die werfen die Frage auf, was die Zuschauer
mehr langweilen wird: die Theateraufführung oder der Film.
Dabei träumte die freie Theatergruppe 400asa auf ihrer Website
schon davon, Filmgeschichte zu schreiben - doch dieser Blue Movie
dürfte es nicht einmal in ein Pornokino schaffen. Mit Sex
hat diese Aufführung so viel im Sinn wie eine drogenabhängige
Hure auf dem nahen Straßenstrich mit Erotik. Wohl ist im
«Othello»-Dramolett von Lukas Bärfuss vom Huren,
Vögeln und Bespringen die Rede - allein: Diese Verbalerotik
weckt keine Lust. Fast alle Sprach- und Vers-Spuren Shakespeares
hat der Schweizer Autor getilgt, geblieben ist das Handlungs-Skelett,
dem Bärfuss ein «modernes» Sprachgewand angelegt
hat. (Komplizierte) Liebe, Intrige und Othellos Mord an Desdemona:
«Wir sind am Ende unserer Tragödie und unseres ersten
Drehtages», verkündet Schwarz.
Aber es sollte ja wohl auch ein Blick hinter die Kulissen des
Films (und des Theaters?) sein. So ist jede Regieanweisung zu
vernehmen, jeder Einsatz des Mannes mit der Kamera und der Frau
mit dem Mikrofongalgen live zu verfolgen. Eine Inszenierungs-Idee,
die Schwarz zuletzt bei «Medeää» im Studio
des Maxim- Gorki-Theaters umsetzte - nur: nicht jeder Einfall
taugt zum Recycling. Immerhin, die Umbaupausen bieten Zeit, im
Programmheft zu blättern. Von der «Kriegsgeschichte»
Othello schreibt Bärfuss dort und liefert die Moral gleich
mit: «Man begibt sich als Liebender besser nicht in den
Krieg. Ein liebendes Herz leuchtet wie eine Zigarettenglut im
Dunkeln, für einen Krieger ist beides verräterisch und
letztlich tödlich.»
Dazu weitere kluge Gedanken über die Wahrheit als erstes
Opfer im Krieg und dass es kein Ideal gäbe, für das
es sich zu sterben lohnt.
Gerade in Zeiten wie diesen hätte sich daraus ein spannendes
Projekt spinnen lassen. Stattdessen begnügt sich der Text
mit einem Kanzler-Zitat, wenn Jago seinem General Othello erklärt,
Desdemonas Liebes-Verrat sei «ein kriegerisches Ereignis,
ein Bündnisfall - Sie haben meine uneingeschränkte Solidarität».
Das bringt ein paar Lacher wie auch der Schnelldurchlauf anfangs,
als die sechs Darsteller die Handlung zungen-verknotend runterrasseln,
mehr aber auch nicht.
Doch vielleicht wollte Samuel Schwarz uns alle ja auch nur durch
den Kakao ziehen, die abgenutzten Theater- und Film-Produktionsabläufe
persiflieren. Gereicht hat es nur zu müdem Studententheater.
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