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Klappe, Othello! Film ab, Bühne läuft
Bonsai-Shakespeare: Das Schauspielhaus probiert ein neues
Genre aus, das Theaterkino
Von Monika Nellissen
Ist es möglich, im Theater während der Aufführungen
einen abendfüllenden Spielfilm zu entwickeln und ihn zu drehen?
Eine Handvoll Schweizer Theatermacher hat sich diese Frage gestellt,
die es nun mit Hilfe des Schauspielhauses im Verlaufe mehrerer
Abende im Neuen Cinema zu beantworten gilt. Als Zuschauer dieser
Low-Budget-Produktion sagen wir: Theoretisch ist es möglich,
und praktisch auch.
"Othello - ein Blue Movie", sehr eng und doch ziemlich
frei an Shakespeare angelehnt, könnte tatsächlich ein
anregend aufregender Film werden. Doch ach, unser Urteil ist gar
nicht gefragt. Eigentlich hätten wir Theaterkritiker nämlich
schon nach wenigen Minuten gehen können. Ingo Heise - er
gab später den Cassio - meinte ziemlich cool und ziemlich
blöd, wenn wir uns langweilten, dann könnten wir uns
"gleich verpissen". Schließlich gäbe es hier
für uns keine "sinnstiftende Aufgabe" zu erfüllen
- nämlich die des kritischen Urteils. Sie selbst fänden
spannend, was sie da machten. Das genüge ja wohl, bitte schön.
Dieser bemüht witzige Prolog gehört zu den schwächeren
Teilen des langen, bisweilen langweiligen Abends. Wir haben uns
trotzdem nicht, ähm, verpisst. Nicht, weil wir inzwischen
so resistent wären, dass uns nichts mehr in die Flucht schlüge,
sondern weil es einiges gab, das uns nachdenklich stimmte, uns
unterhielt, überraschte und tatsächlich beglückte.
Zunächst war es erstaunlicherweise der als Dramolett eingedampfte
Othello-Text von Lukas Bärfuss, der bei aller Rotzigkeit
und Drastik enorme Poesie entwickelt und Shakespeare in vielen
Passagen ganz nahe ist. Dann war es der Lakonismus, mit dem die
Inszenierung von Samuel Schwarz in manchen Szenen auf den Punkt
kommt. Dem wiederum fuhr eine Darstellungsweise in die Parade,
die mit der Schminkkunst des Bleichgesichts mit schwarz umrandeten
Augen das Pathos des Stummfilms aufnimmt. Und schließlich
spielt auch noch der Othello-Film von Orson Welles hinein - Philipp
Stengele als Titelheld sieht Welles hier zum Verwechseln ähnlich.
Das Improvisationstalent und die geniale Logistik des Schauspiel-Giganten
werden zwar nicht deutlich, dafür bleibt uns Zuschauern die
Einfachheit der filmischen und ausstatterischen Mittel nicht verborgen.
Wir sehen dabei zu, wie sich Bühnenrealität und Leinwandgeschehen
vermischen, wie das projizierte Netz aus venezianischer Spitze
die Handlung aufsaugt und die Nebelmaschine aktiviert wird. Und
irgendwann vergessen wir, dass Alexander Grasseck mit der Handkamera
durch die Szenerie wuselt und die Ton-Angler ihre Mikrofone dazwischenhalten.
Erst der Schnitt wird zeigen, als was dieser Othello-Film gedacht
ist: als platte Satire, juxiges Polit-Kasperltheater - oder als
eine wirkliche Tragödie.
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