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Charmantes Low Budget
Samuel Schwarz inszeniert seinen "Othello - Ein Blue
Movie" im Hamburger Neuen Cinema
Von Frauke Hartmann
Wer denkt schon in einer Othello-Inszenierung an Vietnam oder
den bekifften Marlon Brando? Oder an Madonna, wie sie als Evita
Peron mit starrem Lächeln vom Balkon winkt? Oder an die Möglichkeit,
dass die spitzen Schreie der Möwen über Shakespeares
Phantasie-Zypern von den Schauspielerinnen ausgestoßen werden
könnten?
Die beiden Herren heißen Samuel Schwarz und Lukas Bärfuss,
sind dreißig Jahre alt und stammen aus dem Kanton Bern.
Mit ihrer Gruppe "400 ASA" (die Filmempfindlichkeit
als doppeldeutiger Name ist natürlich Programm) und weiteren
Mitstreitern brachten sie die ungewöhnlichste Uraufführung
des Eifersuchtsklassikers in das Neue Cinema, eine Neben-Bühne
des Deutschen Schauspielhauses, die Hamburg je gesehen hat. (Und
Hamburg hat, weiß Gott, Othello-Wunder erlebt).
Doch diesmal kommt es mit der größten Beiläufigkeit
daher. Unter dem bescheidenen Titel Othello - ein Blue Movie verwirkt
das Stück sogleich seinen Anspruch auf Werktreue - und ist
doch von größter Loyalität. Grundlage des Films,
der hier gedreht würde, sei das gleichnamige Dramolett von
Lukas Bärfuss, klärt uns der junge geschminkte Mann
mit Schmachtlocke auf, der sich als Samuel Schwarz vorstellt und
später Cassio und Roderigo in einer Doppelrolle spielen wird.
Das Publikum sei hier eh bedeutungslos, es dürfte nur an
einem von vielen Versuchen teilnehmen, und da der Film erst 2002
fertiggestellt würde, gäbe es auch keine sinnstiftende
Aufgabe für Theaterkritiker. Wer sich also langweilt, solle
sich doch zum Teufel scheren.
Allein: Schwarz ist ein anderer. Ingo Heise spielt den kindisch
kichernden, manchmal unverschämten und sich dafür pausenlos
entschuldigenden Regisseur des Abends verteufelt irritierend.
Bedankt sich ungeschickt beim technischen Team, das freilich ebenfalls
kostümiert und geschminkt ist, demonstriert, dass Kamera
und das seitlich installierte Studio echt sind und verweist noch
kurz auf die Bedeutung der Othello-Oper und von Orson Welles Othello-Verfilmung
aus den fünfziger Jahren. Was Othello-Darsteller Philipp
Sengele mit ungeschwärztem Gesicht und hervorquellenden Augen
auch gleich bestätigt: als lebendiges Orson Welles-Zitat.
So nimmt das Drama als work in progress unter dilettantisch wirkenden
Video-Einspielungen auf Pappwände, die den naiv stilisierten
Bühnenhintergrund bilden bzw. die jeweilige Motivtapete des
Films zeigen (Feuer für die lodernden Gefühle, Meer
für den Untergang, venetianische Bogenfenster und Klöppelmuster
für das Höfische) und dem digitalen Soundteppich von
Ted Gaier seinen Lauf. In handliche Stücke zerlegt durch
die Arbeit des Kamerateams, das Othello, den Jago (Thomas Kügel)
und Desdemona (Patrycia Ziolkowska) ständig umringt und nebenbei
mit Plastikweintrauben am Gürtel zypriotische Einheimische
mimt. Samuel Schwarz, Kameramann Alexander Grasseck und Abendregisseurin
Lene Toftdahl Markusen haben einfach alles demonstrativ inszeniert
und angetäuscht, selbst das Zufällige, Improvisierte
und Unvermeidliche: die Umbaupausen und den unprofessionellen
Charme einer Low Budget-Produktion ebenso wie die Publikumsbeschimpfung
und -umgarnung in einem Fragebogen zum Stück.
Gerade in diesem nicht aufzulösenden, oszillierenden Hin
und Her zwischen der Behauptung einer Realität und ihrer
Offenlegung als Farce entsteht der besondere Witz der schweizer
Theater-Connection. Das schönste aber ist, dass sie das Shakespeare-Drama
trotzdem ernst nehmen und bis ins Detail genau als rasant-bedrohliches
Spiel mit Lug und Trug, Identität, Tod und Krieg bebildern.
Dazu tragen freilich die Schauspieler mit unbeirrbarer Präsenz
bei. Besonders Thomas Kügel - sein Jago ist ein Macher und
Opfer der Moderne, der ohne Pathos den heutigen, manchmal flapsigen
Ton der Bärfuss-Bearbeitung des Stoffes trifft und seinen
Satz "Ich bin nicht, was ich bin" in einem atemberaubenden
Monolog implodieren läßt. Sogar die Mordszene zwischen
Othello und Desdemona gewinnt ihre Wahrhaftigkeit durch die Brechung
an Text und Szene.
Mit ihrer wunderbaren Leichtigkeit, Zitier- und Spielfreude präsentiert
diese "Live-Verfilmung" beste Theaterschule. Selbst
wenn man Apocalypse Now nie gesehen hat, kann einem hier ein Licht
aufgehen.
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