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OTHELLO - Frankfurter Rundschau - 8.12.2001

Charmantes Low Budget

Samuel Schwarz inszeniert seinen "Othello - Ein Blue Movie" im Hamburger Neuen Cinema

Von Frauke Hartmann

Wer denkt schon in einer Othello-Inszenierung an Vietnam oder den bekifften Marlon Brando? Oder an Madonna, wie sie als Evita Peron mit starrem Lächeln vom Balkon winkt? Oder an die Möglichkeit, dass die spitzen Schreie der Möwen über Shakespeares Phantasie-Zypern von den Schauspielerinnen ausgestoßen werden könnten?

Die beiden Herren heißen Samuel Schwarz und Lukas Bärfuss, sind dreißig Jahre alt und stammen aus dem Kanton Bern. Mit ihrer Gruppe "400 ASA" (die Filmempfindlichkeit als doppeldeutiger Name ist natürlich Programm) und weiteren Mitstreitern brachten sie die ungewöhnlichste Uraufführung des Eifersuchtsklassikers in das Neue Cinema, eine Neben-Bühne des Deutschen Schauspielhauses, die Hamburg je gesehen hat. (Und Hamburg hat, weiß Gott, Othello-Wunder erlebt).

Doch diesmal kommt es mit der größten Beiläufigkeit daher. Unter dem bescheidenen Titel Othello - ein Blue Movie verwirkt das Stück sogleich seinen Anspruch auf Werktreue - und ist doch von größter Loyalität. Grundlage des Films, der hier gedreht würde, sei das gleichnamige Dramolett von Lukas Bärfuss, klärt uns der junge geschminkte Mann mit Schmachtlocke auf, der sich als Samuel Schwarz vorstellt und später Cassio und Roderigo in einer Doppelrolle spielen wird. Das Publikum sei hier eh bedeutungslos, es dürfte nur an einem von vielen Versuchen teilnehmen, und da der Film erst 2002 fertiggestellt würde, gäbe es auch keine sinnstiftende Aufgabe für Theaterkritiker. Wer sich also langweilt, solle sich doch zum Teufel scheren.

Allein: Schwarz ist ein anderer. Ingo Heise spielt den kindisch kichernden, manchmal unverschämten und sich dafür pausenlos entschuldigenden Regisseur des Abends verteufelt irritierend. Bedankt sich ungeschickt beim technischen Team, das freilich ebenfalls kostümiert und geschminkt ist, demonstriert, dass Kamera und das seitlich installierte Studio echt sind und verweist noch kurz auf die Bedeutung der Othello-Oper und von Orson Welles Othello-Verfilmung aus den fünfziger Jahren. Was Othello-Darsteller Philipp Sengele mit ungeschwärztem Gesicht und hervorquellenden Augen auch gleich bestätigt: als lebendiges Orson Welles-Zitat.

So nimmt das Drama als work in progress unter dilettantisch wirkenden Video-Einspielungen auf Pappwände, die den naiv stilisierten Bühnenhintergrund bilden bzw. die jeweilige Motivtapete des Films zeigen (Feuer für die lodernden Gefühle, Meer für den Untergang, venetianische Bogenfenster und Klöppelmuster für das Höfische) und dem digitalen Soundteppich von Ted Gaier seinen Lauf. In handliche Stücke zerlegt durch die Arbeit des Kamerateams, das Othello, den Jago (Thomas Kügel) und Desdemona (Patrycia Ziolkowska) ständig umringt und nebenbei mit Plastikweintrauben am Gürtel zypriotische Einheimische mimt. Samuel Schwarz, Kameramann Alexander Grasseck und Abendregisseurin Lene Toftdahl Markusen haben einfach alles demonstrativ inszeniert und angetäuscht, selbst das Zufällige, Improvisierte und Unvermeidliche: die Umbaupausen und den unprofessionellen Charme einer Low Budget-Produktion ebenso wie die Publikumsbeschimpfung und -umgarnung in einem Fragebogen zum Stück.

Gerade in diesem nicht aufzulösenden, oszillierenden Hin und Her zwischen der Behauptung einer Realität und ihrer Offenlegung als Farce entsteht der besondere Witz der schweizer Theater-Connection. Das schönste aber ist, dass sie das Shakespeare-Drama trotzdem ernst nehmen und bis ins Detail genau als rasant-bedrohliches Spiel mit Lug und Trug, Identität, Tod und Krieg bebildern. Dazu tragen freilich die Schauspieler mit unbeirrbarer Präsenz bei. Besonders Thomas Kügel - sein Jago ist ein Macher und Opfer der Moderne, der ohne Pathos den heutigen, manchmal flapsigen Ton der Bärfuss-Bearbeitung des Stoffes trifft und seinen Satz "Ich bin nicht, was ich bin" in einem atemberaubenden Monolog implodieren läßt. Sogar die Mordszene zwischen Othello und Desdemona gewinnt ihre Wahrhaftigkeit durch die Brechung an Text und Szene.

Mit ihrer wunderbaren Leichtigkeit, Zitier- und Spielfreude präsentiert diese "Live-Verfilmung" beste Theaterschule. Selbst wenn man Apocalypse Now nie gesehen hat, kann einem hier ein Licht aufgehen.


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