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OTHELLO - Hamburger Abendblatt - 7.12.2001

"Othello" auf pornographisch

Erster Drehtag für "Othello - Ein Blue Movie" im Neuen Cinema: Samuel Schwarz (Regie) und Lukas Bärfuss (Buch nach Shakespeare) kündigen die Film-Theater-Produktion eines Pornos an, wenden aber das Eifersuchtsdrama ins Anti-Kriegs-Pamphlet. Türkenkiller Othello (Philipp Stengele), längst blind für Liebe und Wahrheit, nimmt die Lügen Jagos (erstklassig: Thomas Kügel) für Soldatenehrlichkeit, zieht noch im Bett zu Felde gegen die eigene Frau Desdemona (Patrycia Ziolkowska). "Venceremos!" Die revolutionäre Freiheitsparole pervertiert bei Pokerface Jago zum Schlachtruf.

Sie drehen einen Film und machen doch Theater. Im Prolog fordert der Regisseur - in Gestalt von Schauspieler Ingo Heise - die Kritiker auf, sich doch zu verpissen. Koketterie pur. Aus dem Spass am Studio-Set wird Ernst gemacht. Durch das Kamera-Objektiv schärft sich des Zuschauers Blick auf den seelenlosen Automatismus der zu Kriegsmaschinen mutierten Männer. Ihr dandyhaft-verführerisch Äußeres (stummfilmhafte Schminke, Spitzenhosen) kaschiert zynisch die mordkalte Leere im Inneren. Beim Tötungsgewerbe zu ausgebrannten Nutten geworden, sind ihnen auch alle Frauen Huren. "Liebe" artikulieren sie nur mehr auf dem Nullgefühlspegel der Porno-Rede.

Dennoch bleibt Bärfuss im Dramolett nah an Shakespeares Figuren und Plot, fängt Schwarz die Stimmungen des Dramas im Drehvorgang ein - ironisch gebrochen durch Filmzitate. Welles‘ "Othello"-Movie muss ebenso herhalten wie der Hitchcock-Thriller "Die Vögel". Ganz offensichtlich knüpft das Produktions-Team bei John Jesuruns kinematographischem Theater an. Dort agieren die Darsteller mit dem eigenen Videobild, rattern blitzschnell Text herunter. Ein Mündungsfeuer aggressiver Wortsalven eröffnet auch dieses theatrale Film-Spektakel, das ohne Betroffenheitsgestus mit grimmigem Scherz ins Schwarze trifft. (-itz)


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