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SALOME - NZZ - 9.5.2003

Rampen-Schlampen
«Salome, die Fashion-Show» nach Oscar Wilde an der Gessnerallee

Sie sind nicht wild nach Wilde, sondern nach sich selber: Meret Hottinger und Barbara Maurer inszenieren an der Gessnerallee Oscar Wildes Theaterstück «Salome» auf dem Catwalk. Mode(l)-Schau und Glamour-Games des toten Dandys gewinnt konkurrenzlos der Kostümbildner Rudolf Jost.

Sie ist alt und hässlich und sitzt in der Gessnerallee neben mir. Ihre alte, hässliche Handtasche auf ihren Knien übergibt sich regelmässig mit raschelnden Bonbons. Beim Schlussapplaus steht sie auf, greift zu ihrem Schoss, zückt eine Pistole und . . .

Erschiesst Rudolf Jost nicht! Bitte nein. Er hat für «Salome» nach Oscar Wilde einen Dress- Code entworfen, nach dem sich der alte Dandy im Himmel die Finger lecken würde, wenn. Morbid-monströs, animalisch-pompös: Blutmeere von Satinroben, Eiswüsten von weissem Pelz. Gianni Armani und Giorgio Laurent. Und Beate Uhse. Sie hat messerscharfe Stilettos gesponsert, die Waffenschein-pflichtig sind. «Salome, die Fashion-Show» von und mit Meret Hottinger und Barbara Maurer (bis übers Knie im Hip-Hop- Soul des Raphael Urweider) ist optische Haute Couture, ästhetische Haute Coiffeure und die hohe Schule weiblicher Selbstironie. Wenn die Frauen als Models über den Laufsteg defilieren, die Hüften zuerst, den Körper hinterher geschoben, befindet sich das Theaterhaus Gessnerallee am Stadtrand von Paris.

«Salome», das Theaterstück von Oscar Wilde aus dem Jahre 1893. Die Eckdaten der Vorlage: vergessen. Die Absicht der Schauspielerinnen: erinnert und erkannt. Hottinger & Maurer, beide aus dem Umfeld der Gruppe 400 ASA, wollen sich einen Jux machen. Zwei (bald) Dreissigjährige inszenieren sich auf Chantal Wuhrmanns Bühne in einer der leckersten Theaterrollen für Frauen: Salome, die 16-Jährige, die den Kopf des Propheten Johannes fordert, weil er sie verschmäht hat («Du hast nur Gott gesehen! Hättest Du mich angesehen, Du hättest mich geliebt!»). Dazu aktivieren die Aktricen sämtliche Weibs-Bilder der Theaterliteratur, Luise («Wie blass bist Du!»), Lulu, Lolita. Denn bei Hottinger/Maurer bleibt jeder neutestamentliche Bezug auf dem Nachttisch liegen und die tradierte Salome- Rezeption im Bücherschrank. Sie denken die Wilde'sche Dekadenz weiter und lokalisieren die zeitgenössische Salome in der Zürcher Party- Szene. Ihre Heldin ist eine Zicke oder das, was uns die einschlägigen Stadt- und Lifestyle-Magazine dafür verkaufen: total rasierte Lara Crofts, die ihr Haar auf den Zähnen tragen und für Glamour wortwörtlich über Leichen gehen.

Und das tut Salome, das Label-Luder, die Rampen-Schlampe. Auch hier, im Setting, das sich auf ein Königspaar, mehrere Salomes (jeder darf mal) und ein männliches Faktotum reduziert. Sie ist ein stures Biest und fordert nach dem Schleiertanz für den lüstern triefenden Herodes von diesem den Mann, der sie verschmäht hat, unerbittlich ein: den grossen Propheten. Der aber ist ein kleiner Erlöser und schmalbrüstiger Wurf: Johannes, ein Gymnasiast in der Hochblüte seiner Pubertät, womöglich einer erfolglosen Boy- Group vom Karren gefallen. Doch Liebe muss sein. Und macht bekanntlich blind (zum Glück für Salome). Johännchens Kopf jedenfalls fällt.

Er fällt in den Schoss der Heldin, den Rudolf Jost in einen wunderzarten schwarzen Blüten- Ballon umgestaltet hat. Ein Ballkleid der Trauer, das die Trägerin als kleine Gemeinheit zur absoluten Bewegungslosigkeit verdammt. Salome, die Gefangene der Mode, das Fashion-Victim. Jetzt ist sie tatsächlich: zum Sterben schön.

Daniele Muscionico


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