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Rampen-Schlampen
«Salome, die Fashion-Show» nach Oscar Wilde an der Gessnerallee
Sie sind nicht wild nach Wilde, sondern nach sich selber: Meret Hottinger
und Barbara Maurer inszenieren an der Gessnerallee Oscar Wildes Theaterstück
«Salome» auf dem Catwalk. Mode(l)-Schau und Glamour-Games
des toten Dandys gewinnt konkurrenzlos der Kostümbildner Rudolf Jost.
Sie ist alt und hässlich und sitzt in der Gessnerallee neben mir.
Ihre alte, hässliche Handtasche auf ihren Knien übergibt sich
regelmässig mit raschelnden Bonbons. Beim Schlussapplaus steht sie
auf, greift zu ihrem Schoss, zückt eine Pistole und . . .
Erschiesst Rudolf Jost nicht! Bitte nein. Er hat für «Salome»
nach Oscar Wilde einen Dress- Code entworfen, nach dem sich der alte Dandy
im Himmel die Finger lecken würde, wenn. Morbid-monströs, animalisch-pompös:
Blutmeere von Satinroben, Eiswüsten von weissem Pelz. Gianni Armani
und Giorgio Laurent. Und Beate Uhse. Sie hat messerscharfe Stilettos gesponsert,
die Waffenschein-pflichtig sind. «Salome, die Fashion-Show»
von und mit Meret Hottinger und Barbara Maurer (bis übers Knie im
Hip-Hop- Soul des Raphael Urweider) ist optische Haute Couture, ästhetische
Haute Coiffeure und die hohe Schule weiblicher Selbstironie. Wenn die
Frauen als Models über den Laufsteg defilieren, die Hüften zuerst,
den Körper hinterher geschoben, befindet sich das Theaterhaus Gessnerallee
am Stadtrand von Paris.
«Salome», das Theaterstück von Oscar Wilde aus dem
Jahre 1893. Die Eckdaten der Vorlage: vergessen. Die Absicht der Schauspielerinnen:
erinnert und erkannt. Hottinger & Maurer, beide aus dem Umfeld der
Gruppe 400 ASA, wollen sich einen Jux machen. Zwei (bald) Dreissigjährige
inszenieren sich auf Chantal Wuhrmanns Bühne in einer der leckersten
Theaterrollen für Frauen: Salome, die 16-Jährige, die den Kopf
des Propheten Johannes fordert, weil er sie verschmäht hat («Du
hast nur Gott gesehen! Hättest Du mich angesehen, Du hättest
mich geliebt!»). Dazu aktivieren die Aktricen sämtliche Weibs-Bilder
der Theaterliteratur, Luise («Wie blass bist Du!»), Lulu,
Lolita. Denn bei Hottinger/Maurer bleibt jeder neutestamentliche Bezug
auf dem Nachttisch liegen und die tradierte Salome- Rezeption im Bücherschrank.
Sie denken die Wilde'sche Dekadenz weiter und lokalisieren die zeitgenössische
Salome in der Zürcher Party- Szene. Ihre Heldin ist eine Zicke oder
das, was uns die einschlägigen Stadt- und Lifestyle-Magazine dafür
verkaufen: total rasierte Lara Crofts, die ihr Haar auf den Zähnen
tragen und für Glamour wortwörtlich über Leichen gehen.
Und das tut Salome, das Label-Luder, die Rampen-Schlampe. Auch hier,
im Setting, das sich auf ein Königspaar, mehrere Salomes (jeder darf
mal) und ein männliches Faktotum reduziert. Sie ist ein stures Biest
und fordert nach dem Schleiertanz für den lüstern triefenden
Herodes von diesem den Mann, der sie verschmäht hat, unerbittlich
ein: den grossen Propheten. Der aber ist ein kleiner Erlöser und
schmalbrüstiger Wurf: Johannes, ein Gymnasiast in der Hochblüte
seiner Pubertät, womöglich einer erfolglosen Boy- Group vom
Karren gefallen. Doch Liebe muss sein. Und macht bekanntlich blind (zum
Glück für Salome). Johännchens Kopf jedenfalls fällt.
Er fällt in den Schoss der Heldin, den Rudolf Jost in einen wunderzarten
schwarzen Blüten- Ballon umgestaltet hat. Ein Ballkleid der Trauer,
das die Trägerin als kleine Gemeinheit zur absoluten Bewegungslosigkeit
verdammt. Salome, die Gefangene der Mode, das Fashion-Victim. Jetzt ist
sie tatsächlich: zum Sterben schön.
Daniele Muscionico
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