PRESSEARCHIV

SALOME - SONNTAGSZEITUNG - 11.5.2003

Die Rache der schönen Äffin

Menschen, die sich lieben, setzen alles daran, sich gegenseitig zu benachteiligen. Besonders auffällig entziehen sich Kulturtäter dem Verdacht der Vetternwirtschaft, indem sie ihre talentierten Geliebten diskriminieren, die Karrieren ihrer Ehepartner behindern und die künstlerische Selbstverwirklichung ihrer Bettgenossen sabotieren. Als wäre kreative Inzucht noch krimineller als sexueller Missbrauch.

Die Jazzsängerin Jane Monheit etwa, die diese Woche in Basel und Zürich gastierte, lässt sich zwar Abend für Abend von ihrem Gatten am Schlagzeug begleiten. Doch ausser die Felle streicheln und die Becken kitzeln darf er nichts. Während sich der Rest der Band mit ausufernden Saxophon- und Klaviereinlagen in Szene setzt, hält die dominante Leaderin ihren Rick Montalbano an der kurzen Leine: kein Solo! Er hätte der gefeierten Gattin ja einen Applaus stehlen können.

Schlimmer noch als unter verheirateten amerikanischen Jazzmusikern geht es nur unter konkubinierenden Schweizer Theaterleuten zu und her. Was die Männedörfler Schauspielerin Meret Hottinger in ihrer hoffnungsvollen Karriere bisher über sich ergehen lassen musste, grenzt an Verschandelung. Jung und schön wie sie ist, hatte sie das Pech, in einen Regisseur verliebt zu sein, der sie am liebsten in Lumpen hüllt und mit grauer Farbe bestreicht. Was nützt ihr da die Hauptrolle der Medea, wenn sie aussieht wie ein Waldschrat? Was hilft es, wenn ihr Freund mit der Inszenierung der 1.-August-Feier bedacht wird, sie jedoch - vor versammeltem Schweizer Fernsehvolk - als haariger Affe auf treten muss?

Umso süsser nun die Rache der Schauspielerin und Tänzerin an Samuel Schwarz, dem Vater ihres Kindes: Im Theaterhaus Gessnerallee inszeniert sie sich selber und nutzt die Gelegenheit voll aus: Zusammen mit ihrer 400asa-Leidensgenossin Barbara Maurer, deren Talent bisher ebenfalls unter hässlichen Kostümen verborgen geblieben war, nutzt sie die Plattform des Festivals Hope & Glory für ein Comingout als Supermodel. Unverschämt posiert sie in Latex, stolziert im Pelzmantel über den Laufsteg und zeigt ihre langen Beine. Und weil das natürlich nur eine Parodie - und da rüber hinaus noch viel mehr ist - entsteht so ganz nebenbei auch unverschämt unterhaltsames Theater.

So erweist sich die Kraft der Lie be einmal mehr als Triebfeder der Kunst. Wenn sie auch nur darin besteht, dass ein Affe endlich einmal die Sau rauslässt.

Christian Hubschmid über Diskriminierung unter Künstlerpärchen


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