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Scharaden auf dem Katzensteg
Wie kann man «Salome» als Modenschau inszenieren? Antworten
in der Gessnerallee.
Die «Salome» von Oscar Wilde hat wenig zu tun mit den Salonstücken
des Über-Dandys. «Schwül» und «opulent»
hat man zwar auch für dieses 1893 geschriebene Stück rasch zur
Hand, doch Wilde wurde hier grundsätzlicher. Die judäische Königstochter
Salome fordert nichts weniger als den Kopf Johannes des Täufers.
Weil dieser sie nicht anblicken wollte. Weil sie ihn küssen will.
Vielleicht auch, weil sie das inzestuöse Verhältnis ihrer Mutter
Herodias mit ihrem Onkel Herodes gleichsam szenisch nachstellen will,
als grausames Spiel im Spiel, wie in «Hamlet».
Das Blick-Motiv zieht sich durch den Einakter: Wie Blicke den Angeblickten
verändern, wie Blicke töten. Vermutlich knüpft die überdrehte,
sicher opulente und schwüle, manchmal dilettantische und dann wieder
sehr lustige «Salome»-Adaptation von Meret Hottinger und Barbara
Maurer an diese Ökonomie des Blickes an. Denn die Bühne von
Chantal Wuhrmann und Andy Hohl ist ein hufeisenförmiger Laufsteg,
Hottinger und Maurer geben selber die Models, und mit Daniel Mangisch
spielen sie in Scharaden das ganze Figurenarsenal und mehr.
Im Zentrum steht aber der Kostümbildner Rudolf Jost, dessen Kollektion
präsentiert werden soll. Auf einen Mantel hat er «Off»,
auf einen andern «No» gesprayt: Widerstand heisst das, doch
die Inszenierung veräppelt selbst den Radical Chic, inklusive eigenes
Umfeld der Theatergruppe 400asa, wenn die Frauen in Affenkostümen
mit Brüsten auftreten, als wärs der 1. August an der Expo. Sonst
gibts viel Latex, Bein und Haut. Raphael Urweider sitzt in der Mitte,
spielt Modenschautechno und verfremdet die Stimme des Propheten. Ein Model
rastet aus und will jetzt endlich Theater spielen. Die Rebellion gegen
das Theater gebiert hier nicht das bessere, aber das lustigere Theater.
Von Tobi Müller
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