PRESSEARCHIV

SALOME - TAGESANZEIGER - 9.5.2003

Scharaden auf dem Katzensteg
Wie kann man «Salome» als Modenschau inszenieren? Antworten in der Gessnerallee.

Die «Salome» von Oscar Wilde hat wenig zu tun mit den Salonstücken des Über-Dandys. «Schwül» und «opulent» hat man zwar auch für dieses 1893 geschriebene Stück rasch zur Hand, doch Wilde wurde hier grundsätzlicher. Die judäische Königstochter Salome fordert nichts weniger als den Kopf Johannes des Täufers. Weil dieser sie nicht anblicken wollte. Weil sie ihn küssen will. Vielleicht auch, weil sie das inzestuöse Verhältnis ihrer Mutter Herodias mit ihrem Onkel Herodes gleichsam szenisch nachstellen will, als grausames Spiel im Spiel, wie in «Hamlet».

Das Blick-Motiv zieht sich durch den Einakter: Wie Blicke den Angeblickten verändern, wie Blicke töten. Vermutlich knüpft die überdrehte, sicher opulente und schwüle, manchmal dilettantische und dann wieder sehr lustige «Salome»-Adaptation von Meret Hottinger und Barbara Maurer an diese Ökonomie des Blickes an. Denn die Bühne von Chantal Wuhrmann und Andy Hohl ist ein hufeisenförmiger Laufsteg, Hottinger und Maurer geben selber die Models, und mit Daniel Mangisch spielen sie in Scharaden das ganze Figurenarsenal und mehr.

Im Zentrum steht aber der Kostümbildner Rudolf Jost, dessen Kollektion präsentiert werden soll. Auf einen Mantel hat er «Off», auf einen andern «No» gesprayt: Widerstand heisst das, doch die Inszenierung veräppelt selbst den Radical Chic, inklusive eigenes Umfeld der Theatergruppe 400asa, wenn die Frauen in Affenkostümen mit Brüsten auftreten, als wärs der 1. August an der Expo. Sonst gibts viel Latex, Bein und Haut. Raphael Urweider sitzt in der Mitte, spielt Modenschautechno und verfremdet die Stimme des Propheten. Ein Model rastet aus und will jetzt endlich Theater spielen. Die Rebellion gegen das Theater gebiert hier nicht das bessere, aber das lustigere Theater.

Von Tobi Müller


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